Erst die Pause, dann das Vergnügen

Wir bauten unsere mobilen Häuser auf Sand. Mücken drängten uns zur Eile und so lagen wir, umgeben von schiefen Sträuchern, wind- und sichtgeschützt auf einer Düne in unseren Zelten und lauschten den Wellen.

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Zum Glück kamen die ersten Tropfen am nächsten Morgen später als angekündigt und die Zelte somit noch trocken und sauber in ihre Packsäcke. Als der Regen zu heftig wurde, legten wir eine Zwangspause unter einer Fußgängerbrücke ein. Wir waren ziemlich nass, bei guter Laune und beneideten die Autofahrer, die zweispurig im Berufsverkehr geschützt vor Wind und Wetter an uns vorbeirollten, überhaupt nicht. Auch dass ich mein Frühstück umstieß und nur zur Hälfte gestärkt war, als wir weiterfuhren, war (noch) kein Problem.

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Industriegebiet und Schnellstraße wurden bald wieder zu Küste und Fahrradweg. Es regnete unaufhörlich und die Pausen waren eher ungemütlich. Außerdem erschwerte der Wind das Kochen von wärmenden Getränken.

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Es war ursprünglich gedacht, erst am nächsten Tag in Sydney anzukommen, denn zwischen uns und der Stadt lagen noch gut 60 Kilometer und ein mieser, steiler Berg. Aber – um es kurz zu machen – wir wichen für 18km der Strecke und 80% der Steigung auf einen Zug aus und preschten dann das restliche Stück bis Sydney durch. Wir hatten die Stadtgrenze schon passiert und es waren noch weniger als 10 Kilometer zu Andres Wohnung, als ich schlapp machte und eine kurze Pause bzw. Nahrung brauchte.

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Der Rest ging dann schnell und wir waren beide froh es doch am selben Tag geschafft zu haben.

Das Schöne an so einer Radreise ist, dass man sich mehr Strapazen und Unannehmlichkeiten als üblich aussetzt und dass dadurch die kleinen Dinge viel mehr an Bedeutung gewinnen. Die warme Dusche und die frischen, trockenen Klamotten waren ganz groß.

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Uns standen ein paar kurze Tage Rast in Sydney bevor. Vielen, vielen Dank Heather, Martyna, Sam und Andre für eure super Gastfreundschaft. Außer meiner Wenigkeit gab es noch einen weiteren, bunten Gast, der immer dann ein herrliches Gekreische veranstaltete, wenn sich jemand seinem Käfig näherte oder einfach nur die Sonne aufging. Der Allfarblori wurde von Heather gesund gepflegt und etwas später wieder in die Freiheit entlassen.

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Ich kümmerte mich mehr um organisatorische Dinge und mein Rad, als um die Stadt. Am Ende meiner Australien-Tour würde ich sowieso nochmal eine Woche hier verbringen.

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Nach wenigen Tagen besserte sich das Wetter. Ich glaube Andre war froh zuhause zu sein und sein Antrieb wieder auf die Straße zu kommen kleiner als meiner. Dennoch, an einem sonnigen Morgen schwangen wir uns für unsere letzte gemeinsame Etappe wieder auf die Sättel. Eine gute Woche würden wir dazu nutzen in Richtung Norden möglichst viel Natur und Nationalparks zu durchfahren, bis Andre den Zug zurück nach Sydney nehmen würde.

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Zweier Sturzflug

Der nächste Morgen ließ bis zum Sonnenaufgang auf sich warten. Ohne Frühstück ging es los. Ich fuhr vor und gerade schnell bergab, als ich das weiße Etwas sah, das am Straßenrand zuckte. Ich begriff langsam, bremste scharf und lief schnell zurück. Ein verletzter Kakadu mit gebrochenem Flügel lag am Straßenrand. Andre – stolzes Mitglied bei Wires, einem Wildtier-Rettungsdienst – rief dort an. Es hatte mittlerweile – mal wieder – angefangen zu regnen und so schnell würde wohl kein „Rettungswagen“ an diesem Samstagmorgen kommen.

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Wir hielten die wenigen Autos an, die vorbeikamen. Ein rostiger Pick-up, auf dessen offener Ladefläche sieben Hunde freudig und gekonnt balancierten, stoppte und das zottelige, ältere Ehepaar erbarmte sich den verletzten Vogel zum nächsten Tierarzt zu bringen. Oder, so wie die beiden aussahen, vielleicht auch nur bis zur nächsten Pfanne.

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Ohne Frühstück loszufahren ist generell keine gute Idee und auf einer Radtour mal gar nicht. Ich hatte zudem nicht gut geschlafen, die Strecke war bergig und ich hatte, trotz morgendlicher guten Tat, schlechte Laune. Die besserte sich erst mit Wetterwechsel und Nahrungsaufnahme.

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Wir machten gut Strecke, kamen durch Binalong und erreichten irgendwann Yass und blieben. Unser Zeltnachbar war Don aus Wales, ein älterer Herr, der ebenfalls per Rad das Land erkundete. Das mache ich in seinem Alter hoffentlich auch noch.

Eigentlich stand eine Route fest, doch wir scheuten zu viele (unnötige) Steigungen und planten Teilstücke gelegentlich um, wägten dabei Höhenprofil gegen Distanz und Verkehr ab, weswegen wir Yass erst gegen Mittag verließen. Bis Robertson würden wir uns umständlich auf knapp 1000 Höhenmeter hocharbeiten, um anschließend innerhalb von 15km auf Meereshöhe hinunterzustürzen und dann den Rest an der Küste nordwärts Richtung Sydney fahren.

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Die Sonne brannte vom Zenit auf uns nieder, zwang uns bald zu einer Pause, in der wir uns einen Block Tofu zwischen die Zähne schoben, und begleitete uns dann durch australischen Busch – naja fast. Links und rechts standen ein paar Büsche und Bäume am Straßenrand, entzogen dem Boden das letzte Wasser und spendeten faulen Schafen Schatten.

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Sie waren anscheinend mehr an Auto- als an Fahrradfahrer gewöhnt, denn sie liefen scharenweise davon, als wir anrollten. Ich fühlte mich zum Ziegenhirten auf der Farm in Portugal zurückversetzt und trieb die aufgescheuchten Wollknäuel mit kraftvollem ha-ha-ha weiter über die Weide. Bewegung tut gut.

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Nur Andres Knie mochte die Bewegung heute nicht. Vor der letzten Etappe des Tages kamen wir durch Gunning. Es war Markt gewesen und der letzte Verkäufer gab uns Brot und Konfitüre zum halben Preis. Wir unterhielten uns eine Weile über Europas politische Situation, über die der sympathische gebürtige Grieche gut Bescheid wusste, bekamen noch Bananen geschenkt und gingen dann gut gestärkt das letzte Stück an.

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Mit den Chemical Brothers im Ohr tanzte ich förmlich auf dem Rad die seichten Berge rauf und runter, doch Andre hatte leider nicht die Energie, denn sein Knie machte ihm zu schaffen. Eine Schafweide bot uns dann unser nächtliches Lager. Es handelte sich klar um Privatgelände, aber das Auto der Anwohner, das in der Dämmerung über den Schotterweg an uns vorbeifuhr stoppte nicht einmal.

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Es war 23 Uhr, als meine Blase Entleerung verlangte. Ich lief im Dunkel barfuß durch hohes Gras und über die Schotterstraße. Nach erfolgreicher Miktion, lief ich im Licht meiner Lampe zurück und erschrak, als neben mir auf der Straße plötzlich ein dickes Exemplar einer Sydney Trichternetzspinne im Lampenschein auftauchte. Gut, dass ich auf dem Hinweg nicht auf sie getreten bin, denn die sind schwer giftig. Und schade, dass ich meine Kamera nicht dabei hatte. Doch ich wollte mein Glück nicht weiter provozieren, lief vorsichtig zurück durchs hohe Gras und verließ mein Zelt erst am Morgen wieder.

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Wir bedankten uns bei den Maltons, auf dessen Grund und Boden wir geschlafen hatten, in Form eines kurzen Briefes. Nach zwei Tagen barfuß fahren und der nächtlichen Begegnung, trug ich heute zur Abwechslung mal wieder Schuhe. Das war auch angebracht, denn den Großteil des Tages jagten wir auf dem Seitenstreifen des Hume Highway entlang. Steigungen von maximal 4% waren eine willkommene Erleichterung und wir machten ordentlich Strecke.

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Australien ist eigentlich ziemlich sauber, doch mit den Dingen, die so am Autobahnrand lagen hätte man eine Müllhalde, einen Kleiderschrank und eine Werkzeugkiste füllen können. Nach über 70km und (bis dahin) rekordhaften 61km/h erreichten wir einen Sportplatz in Marulan und machten ihn zum Campingplatz.

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An nächsten Morgen war Andre nicht fit. Unausgeschlafen brauchte er heute extra lang bis er seine Sachen am Rad verstaut hatte und, dass ich mich darüber amüsierte, amüsierte ihn nicht. Wir probierten eine Nebenstrecke zum Highway, dem Old Hume Highway, der aber nach schöner Fahrt in einer Sackgasse endete und wir uns wieder mit der aktuellen Version der Schnellstraße begnügen mussten.

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Lange blieben wir nicht auf ihr, fuhren bei Wingello ab und stoppten in dem General Store des kleinen Ortes. In dem Laden gab es so ziemlich jede Süßigkeit zu kaufen, von der man als Kind nur träumen kann und genauso fühlte ich mich, als ich für 50 Pfennig hiervon und für 80 Pfennig davon und davon und davon und davon orderte.

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tag 207-3-wie ein kleines Kind im Susswarenladen

Wir kamen dem Abgrund – also Robertson – immer näher. Am letzten Tag hier oben war das Wetter Topographie-typisch kühl und nass. Wir campten abermals an einem Sportplatz, diesmal unter dem Dach des angrenzenden Grillplatzes. Wir hatten bereits gegessen und unsere Innenzelte aufgeschlagen, als ein Auto hielt und ein unsympathischer (und betrunkener?) Mann ausstieg und uns musterte. Nach einem kurzen Gespräch stufte Mick uns als harmlos ein und ließ uns bleiben.

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Wir freuten uns auf die Abfahrt – den Drop – und auf den Tag am Strand. Schnell kamen wir kamen durch Robertson, vorbei an einer riesigen Kartoffel. Australien ist voll von diesen „Wahrzeichen“. Dann kam der Drop. Steil schlängelte sich die Straße bergab und entlohnte für die Mühen seit Wagga. Der Asphalt war ziemlich nass und so stürzten wir zwei, viel vorsichtiger als uns lieb war, aber mit reichlich Spaß in den Backen, dem Pazifik entgegen.

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Danach dauerte es nicht mehr lange bis wir das Meer erreichten. Hier unten schien die Sonne, es war warm und das Salzwasser wartete.

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Parabel Parade

Wie greift man einen roten Faden auf, der vier lange Monate verblasste? Viel ist seitdem passiert. Länder, Landschaften, Tiere, viele Kilometer und viele schöne Begegnungen hinterließen wertvolle Spuren. Der Unterschied, nicht nur zeitlich und geographisch, auch persönlich, zwischen dem Rotton im März und heute, im August, besteht aus unzähligen Nuancen. Dennoch, werde ich versuchen, den Faden wieder dort aufzunehmen, als ich ihn unfreiwillig, durch den Verlust der Schreibmaschine, habe fallengelassen.tag 200-1-wagga arriving

Also am Dienstagmorgen des 21. Tages im dritten Monat und am 200. Tag meiner Reise, als sich mein guter Freund Andre mit seinem Rad dazugesellte. Er erreichte Wagga, eine Stadt auf halbem Wege zwischen Melbourne und Sydney pünktlich um 10 Uhr. Ich dagegen rollte erst kurz nach voll auf den Bahnhofvorplatz und fand ihn, sein Fahrrad bereits auspackend und zusammensetzend, vor. In Australien muss man nämlich bei Langstrecken sein Rad in einem Karton verstauen, gleich so, als nähme man das Flugzeug.

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Ein herzliches Wiedersehen, ein paar Besorgungen sowie eine Session bei Regina, Waggas Straßen-Wunderheilerin, die mein rechtes Knie in ihre Hände nahm und für 5 Minuten darauf einredete, später verließen wir die Kleinstadt Richtung Osten. Auf einem nahegelegenen Rastplatz, der Reisenden ebenso ein temporäres, wie Ansässigen ein permanentes Zuhause bot, pflanzten wir unsere Zelte ins Gras und begossen unsere Zusammenkunft mit Tee.

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tag-201-1-Andre vor dem Sturm

Wir taten gut daran, den ersten Regen abzuwarten. Heftig ergossen sich die laukalten Wassermassen auf das metallische Dach, bevor wir im Nieselregen, über nahezu einsame Straßen, unsere erste Etappe nach Junee radelten. Lakritz ist des Ortes Geschenk an die viktorianische Menschheit und – da wir nun mal dort waren – auch an uns.

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Wir kosteten uns durch die Proben, kauften etwas auf Vorrat  (Andre pur, ich Blaubeer-Zartbitter), verließen die Museumsfabrik im ordentlichen Süßholz-Zuckerrausch und jagten anschließend 30 Kilometer, vom Sonnenschein getrockneten Asphalt hinunter, bis Andres Hinterrad die Luft ausging. Ich wusste da noch nicht, dass er auf unserer Tour mehr Platten haben sollte, als ich auf meiner gesamten Reise.

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Wir nahmen es mit Humor, der uns dann auf der schotterigen Waterworks Road etwas abhanden kam.  Zu grob waren die Steine, zu tief die Schlaglöcher und zu steil die Steigung. Die Aussicht auf einen schönen Zeltplatz an einem See trieb uns an, doch Name und Zustand der „Straße“ hätten uns ein Hinweis sein müssen, dass am Ende kein Camper-Paradies auf uns warten würde. Ein fast ausgetrocknetes, modrig riechendes Wasserloch inmitten einer Kuhweide, ohne Tiere, aber voll deren Hinterlassenschaften, war dann die Belohnung für 4km strapaziösen Umweg. Immerhin gab es eine Bank und ein Plumpsklo – mit Toilettenpapier!

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Der morgendliche Kaffee wurde bei viel Wind und schöner Aussicht gekocht und eingenommen. Dann galt es die Buckelpiste wieder zurück zur Straße bergab zu rollen, aber als Andres schmale Reifen die ersten Steine nach dem Kuhgitter berührten zischte es kurz und der Hinterreifen war wieder platt. Das Loch war schnell gefunden und geflickt und wir noch bei guter Laune, bis das Gleiche 100 Meter später wieder passierte. Ich schnappte mir eine seiner Taschen, den Schlauch und Flickzeug und rollte bis zur Straße, stopfte das Loch und war fertig als er, sein Rad schiebend aber wohl gerade wenig liebend, die Straße erreichte.

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Der Tag hatte also schon gut angefangen und ging noch besser weiter. Regen gesellte sich zum Gegenwind. Die Straße führte obendrein noch sinuskurvig (y=x²) auf und ab. Wir brauchten lange für jeden der vielen steilen Hügel. Wir kämpften uns immer wieder aufs Neue gegen den Wind zum Scheitelpunkt und rollten dann, weiterhin ausgebremst von den Frontallüften, mit wenig Schwung hinab und begannen von neuem den anstrengenden Aufstieg. Wir schafften es, beide ziemlich fertig, nach Stunden, die 23km bis ins Kaff Cootamundra.

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Ich denke, dass wenn ich allein unterwegs gewesen wäre, der Ansporn spätestens bei der Hälfte der Strecke nachgelassen hätte und ich die restlichen Hügel hoch geschoben hätte. So war es ein gutes Intervall-Training.

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Der Himmel war wieder blau, als wir auf einem Campingplatz in dem kleinen Ort einkehrten. Chris, der Manager, bot uns an, unsere Zelte unter dem Dach der BBQ Area aufzuschlagen – mehr Regen war angesagt worden. Wir machten ein paar Besorgungen im Ort, aßen reichlich, um wieder Kraft in unsere Beine zu pumpen, flickten Andres Rad und nahmen eine Dusche.

Es stellte sich heraus, dass von Anfang an zu wenig Luft in dem Reifen war und dass die Felge in den Schlauch schneidet. Nach drei Platten war uns das dann klar. Und ja, ich hatte insgesamt tatsächlich nur zwei.

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Der Regen blieb aus, doch dafür prasselten kurze verbale Beschimpfungen einer Frau auf mich nieder, als ich gerade aus der Dusche kam. Sie war über unser Lager unter dem Gemeinschaftsdach spürbar entrüstet. Ihr Mann, der in hinter ihr am Grill in Ruhe seine Würstchen briet, verdrehte nur die Augen und lächelte mir zu. Ich stoppte meinen Erklärungsversuch, wartete bis sie fertig war, nickte freundlich und ignorierte sie.

Zum Frühstück gab es lecker Liegestütze und zum Mittag erneut köstliches Hügel-hoch-und-runter-Kämpfen, dazu eine frustrierende Portion Gegenwind. Wir mussten alle 5km eine Pause einlegen, dreimal bis Wallendbeen.

Die Kleinstädte scheinen im Inland Australiens ziemlich genau 20km voneinander entfernt zu liegen. Ich frage mich, ob das an der Art der Besiedlung der Weißen liegt, die ihre (Wasser-)Versorgung aufrecht halten mussten. Unsere war auf jeden Fall gewährleistet, denn – ich wiederhole mich – in jeder noch so kleinen Ortschaft gibt es einen kleinen Park mit öffentlichen Toiletten und Trinkbrunnen.

Noch dreimal Pause und wir waren in Harden, einem Ort mit Bienenzüchtertradition und einem Honigladen, der über dreißig Sorten Honig zum probieren von hell nach dunkel aufgereiht hatte. Wir waren trotz Anstrengungen eine Menge (kindlichen) Spaß und im Zuckerrausch entstand dann dieses Foto.

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Wir gönnten uns eine ausgedehnte Pause auf dem Grün des Parks und gingen dann die restlichen knapp 40km bis Binalong an. Wir schafften die natürlich nicht und schlugen unser Zelt vor Sonnenuntergang auf einer Wiese auf.

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Zum Abendessen gab es dann alles was wir noch so dabei hatten, Lakritz, Schokolade und veganes Beef Jerky und Käse. Wir amüsierten uns prächtig beim Abendprogramm. Rötlich schimmernde Wolken zogen in diversen Formen vor uns vorbei. Der Präriehundekopf, der erhaben über die Wüstenlandschaft gen Osten schaut – Homer Simpsons Chili Folge kam in den Sinn – war das Highlight. Die Idee ein Foto davon zu machen kam mir leider etwas zu spät.20170324_192905-2016x1512

In den schönsten und in den schlimmsten Momenten entstehen keine Fotos. Die bleiben der reinen Erinnerung Privileg.

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Ein paar Tage mit hartem Auf und Ab, relativ viel schlechtem Wetter und viel Gegenwind lagen hinter uns. Der Abschnitt hätte bei weitem nicht so viel Spaß alleine gemacht und ich war froh einen guten Freund dabei zu haben.

Into the Mild

Der Morgen der Abreise zog sich – ich prokrastinierte – gerade so als wüsste ich, dass die nächsten 7 Tage und 550 Kilometer äußerst anstrengend werden würden.

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Bei 30 Grad radelte ich durch Wohn-‚ Business- und Szeneviertel, immer weiter Richtung Norden, bis die Radwege schließlich durch Randstreifen ersetzt wurden und Melbourne definitiv hinter mir lag.

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Auf lauten, stinkenden Hauptstraßen ging es bei Gegenwind bergauf und ich verfluchte ich das Übermaß an Proviant in Form von Buchweizen und Linsen, das schwer in den Taschen lag und wohl für eine Woche reicht, zum ersten Mal.

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Der erste Tag war hart, endete doch gut, denn ein gastfreundlicher Mann namens Kevin bot mir seinen Campinganhänger zum Übernachten an. Das Ding war zwar weder aufgeräumt noch sauber, doch die Geste sehr ermutigend, für die kommende Zeit.

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Wasserversorgung und Campen waren äußerst unkompliziert. An öffentlichen Toiletten, die in jeder noch so unbedeutenden Siedlung zur Grünanlage mit Bänken und BBQ Grill dazugehören, gab es Wasser. Entlang der Strecke existierten außerdem ausreichend kostenlose Rastplätze, die mal mehr, mal weniger schön in der Natur gelegen, guten Zeltboden bereitstellten.

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Ein paar Tage später lagen die Straßen nur noch flach und schnurgerade vor mir. Der glühend heiße Asphalt wurde von Weidezäunen eingegrenzt und zog sich endlos durch gemäßigt-wildes Niemandsland. In vier Tagen wollte ich in Wagga Wagga sein, denn Andre, ein Freund vom Studium, der mittlerweile in Sydney lebt, wird mich begleiten. Das hieß aber auch, dass die restlichen 400km in vier Tagen abgestrampelt werden mussten.

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Ich passierte die Grenze zum Bundesstaat New South Wales in Form einer Brücke über den Murray River, machte eine Pause an dessen Ufer, bevor ich mich die letzten 20km zum Lake Mulwala prügelte. Der See und die Natur herum, entschädigten für den über hundert Kilometer langen, hart-heißen Ritt des Tages. Mindestens tausend Weißhaubenkakadus stritten sich bei Sonnenuntergang so lauthals um den besten Ast im Baum, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Den Abend verbrachte ich mit einem benachbarten, pensionierten Ehepaar aus Queensland. Wir erzählten lange und beobachteten dabei den prall gefüllten Sternenhimmel, durch den sich deutlich sichtbar, die das schimmernde Band der Milchstraße zog.

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Die Vögel läuteten den nächsten Tag ebenso klangvoll ein, wie den Letzten aus. Schnell war alles eingepackt. Mein Ziel, ein winziger Ort namens Walbundrie, war über hundert Kilometer entfernt.

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Morgens traf ich einen anderen Tourenradler, der die gleiche Strecke in entgegengesetzter Richtung fährt. Wir sprachen eine Weile über die Dinge, die Tourenradler gerne bequatschen – bisherige Erfahrungen, Route und Ausrüstung.

Vor allem mittags ist die Luft voller Fliegen und die einzige Möglichkeit sich etwas vor den Plagegeistern zu wappnen, ist sich entsprechend einzupacken – was die Hitze aber nicht gerade erträglicher macht.

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In Corowa machte ich eine Essenpause – wieder Linsen mit Buchweizen – und verfluchte meine phantasielose Proviantplanung zum zweiten Mal. Vom Zenit brannte die Sonne brutal auf mich nieder, als ich zum Spaß den Daumen rausstreckte. Tatsächlich hielt sofort ein weißer Pick-up. Wir hievten das Rad auf die Ladefläche und fuhren 20km in die nächste Stadt. Die Fahrt mit Chris war nicht nur unterhaltsam und eine willkommene Pause, sondern moralisch äußerst wertvoll.

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Denn bei über 40 Grad waren die restlichen, hügligen 40km bis zum Tagesziel gerade noch machbar. In dem kleinen Ort kehrte ich in ein Restaurant ein, bekam zu meiner großen Freude meine sonntägliche Pizza und den Tipp, doch einfach auf dem lokalen Sportplatz zu zelten. Ein weiterer strapaziöser Tag fand ein erneutes gutes Ende.

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Wagga lag nochmals 100km entfernt und die Fahrt dorthin begann mit dem ersten Platten meiner gesamten Reise – nach über 5200km. Ich hatte zwar seit meiner Jugend keinen Reifen mehr geflickt, aber das war wie Fahrradfahren – nicht verlernt und souverän erledigt. Doch die gute Stimmung hielt nicht lang.

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Schnell merkte ich, dass meine körperlichen und geistigen Grenzen erreicht waren. Unendlich lange fuhr ich die einzige und stark befahrene Straße entlang. Bei fast jedem Berg stieg ich ab und schob. Mein Hintern schmerzte, Schultern, Arme und Beine waren kraftlos, die Sonne ab mittags wieder gnadenlos heiß und mein Gaumen extrem gelangweilt und wenig erfreut, als ich die Linsen mit Buchweizen ein vorerst letztes Mal hinunterzwang und dabei abermals verfluchte. Doch der Vorrat neigte sich endlich dem Ende und die Taschen waren spürbar leichter.

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Vollkommen fertig erreichte ich am späten Nachmittag einen Campingplatz im Ort. Nach einer Dusche quälte ich mich nochmal aufs Rad, fuhr einkaufen und kam mit allem zurück, was man für einen gigantischen Salat braucht. Mein Gaumen machte die Freudensprünge, zu denen mein geschundener Körper nicht mehr in der Lage war.

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Morgen früh werde ich Andre von Bahnhof abholen und gemeinsam werden wir nach Sydney radeln.

Warten auf Velo

Der Zollbeamte winkte mich ohne Kontrolle durch. Die erste Hürde war geschafft und ich stand in der relativ kleinen Empfangshalle des Melbourner Flughafens. Mein guter Freund Evan holte mich ab und wir fuhren in das Haus in St. Kilda Ost, das er sich mit seinem Kumpel Nick teilte und länger als gedacht meine Bleibe werden sollte.

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In den ersten zwei Wochen dachte ich noch nicht an das Rad, das bereits unterwegs war. Sommerlich warmes, aber wechselhaftes Wetter teilte mir meine Zeit sinnvoll ein. Entweder wurde drinnen gesportelt, gelesen und getrommelt oder draußen erkundet, erledigt und erholt.

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Ein Freund aus der Heimat kam aus Sydney runter und leistete mir Gesellschaft.

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Ein Wochenende fuhren Evan und ich zum Wilson’s Promontory, einer von Victorias bekannteren Nationalparks und reich an quietschendem Strand, atemberaubendem Küstenpanorama und grasenden Kängurus.

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Als sich dann der Zoll endlich gemeldet und ich noch einen Einfuhrobolus gelöhnt hatte, war es nur noch eine Frage von zwei absurd langen, aber sommerlich heißen Wochen, bis das Fahrrad kam.

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In diesen Tagen traf ich sämtliche Vorbereitungen für die Tour, änderte – zumindest in der Theorie – das Set-up von Taschen und Gepäck, kaufte schon mal Proviant, plante die Route und verbrachte meine restliche Zeit in Parks, am Strand oder damit, mit Evans leichtem Alurad durch die Gegend zu brettern.

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Ein 90km Ausflug in unter dreieinhalb Stunden – inklusive Bad im See – zeigte mir mal wieder, wie viel extra Anstrengung nötig ist, circa 35kg mehr zu bewegen.

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Ich freute ich mich trotzdem sehr auf mein Rad und darauf, nach quasi drei Monaten Radlosigkeit, die Tour nach Sydney zu beginnen, die ich zur ersten Hälfte alleine und anschließend mit Andre, einem Freund aus dem Studium, der nun in Sydney wohnt, fahren würde.

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Als der Paketmann endlich an der Tür klingelte und ich den Karton sah, wusste ich nicht, ob ich schreien oder weinen sollte. Total eingebeult, an einer Stelle sogar aufgerissen und mit dem Steuersatz herausschauend, nahm ich das Paket entgegen.

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Mit zitternden Händen machte ich mich daran, meine nahe Zukunft auszupacken, um zu sehen, ob sie nicht zu ramponiert war, um Wirklichkeit zu werden. Sie war es nicht. Der Rahmen hatte ein paar ordentliche Kratzer abbekommen, aber der Rest und vor allem die Speichen und Felgen sind irgendwie intakt geblieben.

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Am frühen Abend war das gute Stück dann wieder zusammengebaut, Ersatzteile besorgt und fast alles bereit, um am nächsten Morgen loszufahren.

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Durch die Mitte

Zuerst wollte ich keinen Beitrag über China schreiben, da ich hier weder mit dem Rad unterwegs bin – und darum geht es ja vor allem in diesem Blog – noch waren das Land und die Stadt in irgendeiner Art neu für mich. Aber der Monat in Chengdu, in der südwestlichen Provinz Sichuan, ist natürlich Teil der Reise, und diese ist spätestens seit der Farm in Portugal nicht mehr ausschließlich ein Velotrip.

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Meine Freundin Ania hatte uns ein schönes Apartment im 35. Stock in der Innenstadt organisiert – Ausgangspunkt meiner Unternehmungen. Sehr viele waren es allerdings nicht, aufgrund der oftmals ziemlich schlechten Luft.

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Doch China wandelt sich sehr schnell und investiert viel in abgasreduzierende Maßnahmen, wie zum Beispiel das neue und viel genutzte Bike-Sharing Angebot. Die Fahrräder der insgesamt sechs verschiedenen Anbieter müssen per App freigeschaltet werden, doch bei einem Anbieter funktionierten die Schlösser manchmal nicht und so kam ich in den Genuss, Chengdu doch per Rad zu befahren.

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Ich traf alte Kollegen aus Wuhan wieder, die zum Frühlingsfest in ihre Heimatstadt kamen, um das wichtigste Fest des Jahres im Kreise der Familie zu verbringen. Ania und ich bekamen von dem Fest nicht viel mit – vor allem weil Feuerwerkskörper aus den (Innen-)Städten verbannt wurden. Das Jahr des Affen verabschiedete sich somit ohne den sonst üblichen großen Knall und wurde leise zu dem des Hahns.

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Ansonsten verbrachte ich die Zeit überwiegend mit Wohnzimmersport, kochen und Massagen, die hierzulande echt gut und günstig sind. Eine Stunde Kopf bis Fuß kostet knapp 10 Euro.

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Ich hätte gerne mehr am Blog gearbeitet und die letzten Beiträge früher veröffentlicht, doch ich hatte meinen Laptop in Prag, total übermüdet, auf einer Toilette liegenlassen. Jemand war aber so nett und hat den abgegeben und nun ist er wieder in Deutschland. Da liegt er erstmal gut. Versenden geht seit 2017 aufgrund der Lithium-Batterien nicht und ich wollte ja eh weniger Technik ausgesetzt sein.

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Nach einem schönen, zweisamen Monat ging es dann am Abend des 13. Februar zum Flughafen, wo ich meine Reise nach Melbourne antrat, um von dort mit dem Rad nach Sydney zu fahren.

Alle Fotos aus China gibt es hier.

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So am Ende eines Abschnitts, denkt man gerne daran zurück, wie der ganze Spaß anfing.

In meinem Fall begann er vor einem Jahr ziemlich ernst. Das Projekt in China, an dem ich arbeitete, hatte sich in Luft aufgelöst und ich stand plötzlich vor der Frage, wie es weitergehen sollte. Es war nicht leicht, mich mit 33 gegen Arbeit und für eine längere Reise zu entscheiden.

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Vorfreude und Zweifel begleiteten mich in den kurzen Monaten der Vorbereitung. Ich erinnere mich beispielsweise gut, wie das Wildzelten meine größte Sorge war und auch daran wie sie schnell nach der ersten Nacht am Rhein kleiner wurde und wie das Guerilla-Ratzen schließlich zu einem der besten allnächtlichen Aspekte avancierte.

Die ganze Tour war fantastisch. Ich bin zutiefst dankbar für die letzten vier Monate, die wertvollen Wiedersehen, die tollen Tage, die lustigen Leute, die steilen Straßen, die buckligen Pisten, die schönen und die schwierigen Stunden und die meist traumhaften Schlafplätze. Fahrrad, Wetter, Glück und Gesundheit meinten es äußerst gut mit mir.

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Es gab auch keine nennenswerten Probleme, was ich fast schon schade finde, denn es hätte die Sache noch herausfordernder gemacht.

Nochmal würde ich allerdings nicht erst im September losfahren. Es ging nicht anders und war in Ordnung, aber so auch oft ein Wettlauf gegen den Winter. Ich wäre gerne über die Alpen und den Jakobsweg gefahren und hätte noch lieber, mehr interessante Menschen und Gleichgesinnte getroffen. Da Radfahrer aber intelligente Individuen sind, haben sie ihre Kilometer bereits im Sommer abgestrampelt und mich somit auf den herbstlichen Straßen Europas überwiegend allein gelassen.

Persönliche Highlights waren die gesamte Ostseeküste, Polen, Korsika, Südfrankreich und die Farm. Gut, aber vergleichsweise am wenigsten, gefiel mir Katalonien.

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Das schlechteste an Tour war, die vielen schöne Momente nur selten mit jemandem teilen zu können.

Das Beste war dafür, alte Freunde wiederzusehen und alte Freundschaften neu aufleben zu lassen.

Vielen, vielen Dank Cici, Katrin, Jonas, Louisa, Daniel, Jürgen, Margit, Kamila, Martin, Ania, Iwetta, Eva, Gregor, Fabrizzio, Julian, Backes, Tobias, Vikki, Jana, Dieter, Wolfgang, Peregrina, Brett, Johannes, Loik, Camille, Tobi, Teresa, Toni, Diana und Sandra für jeweils alles.

Außerdem danke Opa fürs Fahrradfahren beibringen, Papa für deinen Glauben an mich, Mama fürs viele Zuhören, Harry für all die Hilfe, danke meine lieben Freunde daheim, in Aachen und sonst wo und nochmal danke Ania, dass du mich machen lässt.

Danke auch an Bike Components Aachen und Cetin von Vodaphone für das Sponsoring und danke Torben und Harry für den jeweiligen Kontakt.

Der Blog hat mir viel Spaß gemacht und wird erstmal weitergeführt. Vielen Dank fürs Lesen.

Fazit: Fantastische Fahrt, Begleitung bevorzugt.

Alle Bilder gibt es hier und mehr Infos zur Route und ein paar Statistiken gibt es hier.

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