Into the Mild

Der Morgen der Abreise zog sich – ich prokrastinierte – gerade so als wüsste ich, dass die nächsten 7 Tage und 550 Kilometer äußerst anstrengend werden würden.

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Bei 30 Grad radelte ich durch Wohn-‚ Business- und Szeneviertel, immer weiter Richtung Norden, bis die Radwege schließlich durch Randstreifen ersetzt wurden und Melbourne definitiv hinter mir lag.

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Auf lauten, stinkenden Hauptstraßen ging es bei Gegenwind bergauf und ich verfluchte ich das Übermaß an Proviant in Form von Buchweizen und Linsen, das schwer in den Taschen lag und wohl für eine Woche reicht, zum ersten Mal.

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Der erste Tag war hart, endete doch gut, denn ein gastfreundlicher Mann namens Kevin bot mir seinen Campinganhänger zum Übernachten an. Das Ding war zwar weder aufgeräumt noch sauber, doch die Geste sehr ermutigend, für die kommende Zeit.

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Wasserversorgung und Campen waren äußerst unkompliziert. An öffentlichen Toiletten, die in jeder noch so unbedeutenden Siedlung zur Grünanlage mit Bänken und BBQ Grill dazugehören, gab es Wasser. Entlang der Strecke existierten außerdem ausreichend kostenlose Rastplätze, die mal mehr, mal weniger schön in der Natur gelegen, guten Zeltboden bereitstellten.

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Ein paar Tage später lagen die Straßen nur noch flach und schnurgerade vor mir. Der glühend heiße Asphalt wurde von Weidezäunen eingegrenzt und zog sich endlos durch gemäßigt-wildes Niemandsland. In vier Tagen wollte ich in Wagga Wagga sein, denn Andre, ein Freund vom Studium, der mittlerweile in Sydney lebt, wird mich begleiten. Das hieß aber auch, dass die restlichen 400km in vier Tagen abgestrampelt werden mussten.

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Ich passierte die Grenze zum Bundesstaat New South Wales in Form einer Brücke über den Murray River, machte eine Pause an dessen Ufer, bevor ich mich die letzten 20km zum Lake Mulwala prügelte. Der See und die Natur herum, entschädigten für den über hundert Kilometer langen, hart-heißen Ritt des Tages. Mindestens tausend Weißhaubenkakadus stritten sich bei Sonnenuntergang so lauthals um den besten Ast im Baum, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Den Abend verbrachte ich mit einem benachbarten, pensionierten Ehepaar aus Queensland. Wir erzählten lange und beobachteten dabei den prall gefüllten Sternenhimmel, durch den sich deutlich sichtbar, die das schimmernde Band der Milchstraße zog.

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Die Vögel läuteten den nächsten Tag ebenso klangvoll ein, wie den Letzten aus. Schnell war alles eingepackt. Mein Ziel, ein winziger Ort namens Walbundrie, war über hundert Kilometer entfernt.

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Morgens traf ich einen anderen Tourenradler, der die gleiche Strecke in entgegengesetzter Richtung fährt. Wir sprachen eine Weile über die Dinge, die Tourenradler gerne bequatschen – bisherige Erfahrungen, Route und Ausrüstung.

Vor allem mittags ist die Luft voller Fliegen und die einzige Möglichkeit sich etwas vor den Plagegeistern zu wappnen, ist sich entsprechend einzupacken – was die Hitze aber nicht gerade erträglicher macht.

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In Corowa machte ich eine Essenpause – wieder Linsen mit Buchweizen – und verfluchte meine phantasielose Proviantplanung zum zweiten Mal. Vom Zenit brannte die Sonne brutal auf mich nieder, als ich zum Spaß den Daumen rausstreckte. Tatsächlich hielt sofort ein weißer Pick-up. Wir hievten das Rad auf die Ladefläche und fuhren 20km in die nächste Stadt. Die Fahrt mit Chris war nicht nur unterhaltsam und eine willkommene Pause, sondern moralisch äußerst wertvoll.

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Denn bei über 40 Grad waren die restlichen, hügligen 40km bis zum Tagesziel gerade noch machbar. In dem kleinen Ort kehrte ich in ein Restaurant ein, bekam zu meiner großen Freude meine sonntägliche Pizza und den Tipp, doch einfach auf dem lokalen Sportplatz zu zelten. Ein weiterer strapaziöser Tag fand ein erneutes gutes Ende.

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Wagga lag nochmals 100km entfernt und die Fahrt dorthin begann mit dem ersten Platten meiner gesamten Reise – nach über 5200km. Ich hatte zwar seit meiner Jugend keinen Reifen mehr geflickt, aber das war wie Fahrradfahren – nicht verlernt und souverän erledigt. Doch die gute Stimmung hielt nicht lang.

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Schnell merkte ich, dass meine körperlichen und geistigen Grenzen erreicht waren. Unendlich lange fuhr ich die einzige und stark befahrene Straße entlang. Bei fast jedem Berg stieg ich ab und schob. Mein Hintern schmerzte, Schultern, Arme und Beine waren kraftlos, die Sonne ab mittags wieder gnadenlos heiß und mein Gaumen extrem gelangweilt und wenig erfreut, als ich die Linsen mit Buchweizen ein vorerst letztes Mal hinunterzwang und dabei abermals verfluchte. Doch der Vorrat neigte sich endlich dem Ende und die Taschen waren spürbar leichter.

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Vollkommen fertig erreichte ich am späten Nachmittag einen Campingplatz im Ort. Nach einer Dusche quälte ich mich nochmal aufs Rad, fuhr einkaufen und kam mit allem zurück, was man für einen gigantischen Salat braucht. Mein Gaumen machte die Freudensprünge, zu denen mein geschundener Körper nicht mehr in der Lage war.

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Morgen früh werde ich Andre von Bahnhof abholen und gemeinsam werden wir nach Sydney radeln.

Warten auf Velo

Der Zollbeamte winkte mich ohne Kontrolle durch. Die erste Hürde war geschafft und ich stand in der relativ kleinen Empfangshalle des Melbourner Flughafens. Mein guter Freund Evan holte mich ab und wir fuhren in das Haus in St. Kilda Ost, das er sich mit seinem Kumpel Nick teilte und länger als gedacht meine Bleibe werden sollte.

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In den ersten zwei Wochen dachte ich noch nicht an das Rad, das bereits unterwegs war. Sommerlich warmes, aber wechselhaftes Wetter teilte mir meine Zeit sinnvoll ein. Entweder wurde drinnen gesportelt, gelesen und getrommelt oder draußen erkundet, erledigt und erholt.

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Ein Freund aus der Heimat kam aus Sydney runter und leistete mir Gesellschaft.

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Ein Wochenende fuhren Evan und ich zum Wilson’s Promontory, einer von Victorias bekannteren Nationalparks und reich an quietschendem Strand, atemberaubendem Küstenpanorama und grasenden Kängurus.

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Als sich dann der Zoll endlich gemeldet und ich noch einen Einfuhrobolus gelöhnt hatte, war es nur noch eine Frage von zwei absurd langen, aber sommerlich heißen Wochen, bis das Fahrrad kam.

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In diesen Tagen traf ich sämtliche Vorbereitungen für die Tour, änderte – zumindest in der Theorie – das Set-up von Taschen und Gepäck, kaufte schon mal Proviant, plante die Route und verbrachte meine restliche Zeit in Parks, am Strand oder damit, mit Evans leichtem Alurad durch die Gegend zu brettern.

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Ein 90km Ausflug in unter dreieinhalb Stunden – inklusive Bad im See – zeigte mir mal wieder, wie viel extra Anstrengung nötig ist, circa 35kg mehr zu bewegen.

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Ich freute ich mich trotzdem sehr auf mein Rad und darauf, nach quasi drei Monaten Radlosigkeit, die Tour nach Sydney zu beginnen, die ich zur ersten Hälfte alleine und anschließend mit Andre, einem Freund aus dem Studium, der nun in Sydney wohnt, fahren würde.

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Als der Paketmann endlich an der Tür klingelte und ich den Karton sah, wusste ich nicht, ob ich schreien oder weinen sollte. Total eingebeult, an einer Stelle sogar aufgerissen und mit dem Steuersatz herausschauend, nahm ich das Paket entgegen.

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Mit zitternden Händen machte ich mich daran, meine nahe Zukunft auszupacken, um zu sehen, ob sie nicht zu ramponiert war, um Wirklichkeit zu werden. Sie war es nicht. Der Rahmen hatte ein paar ordentliche Kratzer abbekommen, aber der Rest und vor allem die Speichen und Felgen sind irgendwie intakt geblieben.

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Am frühen Abend war das gute Stück dann wieder zusammengebaut, Ersatzteile besorgt und fast alles bereit, um am nächsten Morgen loszufahren.

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Durch die Mitte

Zuerst wollte ich keinen Beitrag über China schreiben, da ich hier weder mit dem Rad unterwegs bin – und darum geht es ja vor allem in diesem Blog – noch waren das Land und die Stadt in irgendeiner Art neu für mich. Aber der Monat in Chengdu, in der südwestlichen Provinz Sichuan, ist natürlich Teil der Reise, und diese ist spätestens seit der Farm in Portugal nicht mehr ausschließlich ein Velotrip.

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Meine Freundin Ania hatte uns ein schönes Apartment im 35. Stock in der Innenstadt organisiert – Ausgangspunkt meiner Unternehmungen. Sehr viele waren es allerdings nicht, aufgrund der oftmals ziemlich schlechten Luft.

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Doch China wandelt sich sehr schnell und investiert viel in abgasreduzierende Maßnahmen, wie zum Beispiel das neue und viel genutzte Bike-Sharing Angebot. Die Fahrräder der insgesamt sechs verschiedenen Anbieter müssen per App freigeschaltet werden, doch bei einem Anbieter funktionierten die Schlösser manchmal nicht und so kam ich in den Genuss, Chengdu doch per Rad zu befahren.

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Ich traf alte Kollegen aus Wuhan wieder, die zum Frühlingsfest in ihre Heimatstadt kamen, um das wichtigste Fest des Jahres im Kreise der Familie zu verbringen. Ania und ich bekamen von dem Fest nicht viel mit – vor allem weil Feuerwerkskörper aus den (Innen-)Städten verbannt wurden. Das Jahr des Affen verabschiedete sich somit ohne den sonst üblichen großen Knall und wurde leise zu dem des Hahns.

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Ansonsten verbrachte ich die Zeit überwiegend mit Wohnzimmersport, kochen und Massagen, die hierzulande echt gut und günstig sind. Eine Stunde Kopf bis Fuß kostet knapp 10 Euro.

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Ich hätte gerne mehr am Blog gearbeitet und die letzten Beiträge früher veröffentlicht, doch ich hatte meinen Laptop in Prag, total übermüdet, auf einer Toilette liegenlassen. Jemand war aber so nett und hat den abgegeben und nun ist er wieder in Deutschland. Da liegt er erstmal gut. Versenden geht seit 2017 aufgrund der Lithium-Batterien nicht und ich wollte ja eh weniger Technik ausgesetzt sein.

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Nach einem schönen, zweisamen Monat ging es dann am Abend des 13. Februar zum Flughafen, wo ich meine Reise nach Melbourne antrat, um von dort mit dem Rad nach Sydney zu fahren.

Alle Fotos aus China gibt es hier.

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So am Ende eines Abschnitts, denkt man gerne daran zurück, wie der ganze Spaß anfing.

In meinem Fall begann er vor einem Jahr ziemlich ernst. Das Projekt in China, an dem ich arbeitete, hatte sich in Luft aufgelöst und ich stand plötzlich vor der Frage, wie es weitergehen sollte. Es war nicht leicht, mich mit 33 gegen Arbeit und für eine längere Reise zu entscheiden.

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Vorfreude und Zweifel begleiteten mich in den kurzen Monaten der Vorbereitung. Ich erinnere mich beispielsweise gut, wie das Wildzelten meine größte Sorge war und auch daran wie sie schnell nach der ersten Nacht am Rhein kleiner wurde und wie das Guerilla-Ratzen schließlich zu einem der besten allnächtlichen Aspekte avancierte.

Die ganze Tour war fantastisch. Ich bin zutiefst dankbar für die letzten vier Monate, die wertvollen Wiedersehen, die tollen Tage, die lustigen Leute, die steilen Straßen, die buckligen Pisten, die schönen und die schwierigen Stunden und die meist traumhaften Schlafplätze. Fahrrad, Wetter, Glück und Gesundheit meinten es äußerst gut mit mir.

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Es gab auch keine nennenswerten Probleme, was ich fast schon schade finde, denn es hätte die Sache noch herausfordernder gemacht.

Nochmal würde ich allerdings nicht erst im September losfahren. Es ging nicht anders und war in Ordnung, aber so auch oft ein Wettlauf gegen den Winter. Ich wäre gerne über die Alpen und den Jakobsweg gefahren und hätte noch lieber, mehr interessante Menschen und Gleichgesinnte getroffen. Da Radfahrer aber intelligente Individuen sind, haben sie ihre Kilometer bereits im Sommer abgestrampelt und mich somit auf den herbstlichen Straßen Europas überwiegend allein gelassen.

Persönliche Highlights waren die gesamte Ostseeküste, Polen, Korsika, Südfrankreich und die Farm. Gut, aber vergleichsweise am wenigsten, gefiel mir Katalonien.

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Das schlechteste an Tour war, die vielen schöne Momente nur selten mit jemandem teilen zu können.

Das Beste war dafür, alte Freunde wiederzusehen und alte Freundschaften neu aufleben zu lassen.

Vielen, vielen Dank Cici, Katrin, Jonas, Louisa, Daniel, Jürgen, Margit, Kamila, Martin, Ania, Iwetta, Eva, Gregor, Fabrizzio, Julian, Backes, Tobias, Vikki, Jana, Dieter, Wolfgang, Peregrina, Brett, Johannes, Loik, Camille, Tobi, Teresa, Toni, Diana und Sandra für jeweils alles.

Außerdem danke Opa fürs Fahrradfahren beibringen, Papa für deinen Glauben an mich, Mama fürs viele Zuhören, Harry für all die Hilfe, danke meine lieben Freunde daheim, in Aachen und sonst wo und nochmal danke Ania, dass du mich machen lässt.

Danke auch an Bike Components Aachen und Cetin von Vodaphone für das Sponsoring und danke Torben und Harry für den jeweiligen Kontakt.

Der Blog hat mir viel Spaß gemacht und wird erstmal weitergeführt. Vielen Dank fürs Lesen.

Fazit: Fantastische Fahrt, Begleitung bevorzugt.

Alle Bilder gibt es hier und mehr Infos zur Route und ein paar Statistiken gibt es hier.

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Ziel und Ziele

Drei Tage und 220km bis Neujahr, Lissabon und meinem Ziel.

tag-117-1-am-atlantik-bei-zambujeriaEs ging zunächst Richtung Atlantikküste. Unterwegs traf ich auf zwei eloquente Veloquisten aus Moldawien, hatte für gut 20km unterhaltsame Gesellschaft und erreichte am frühen Abend das Ufer des großen Teiches. Von nun an fuhr ich nordwärts. Mal über Radwege, mal über Landstraßen und einmal über ein kleines Stück Autobahn, aber immer entlang der Küste, kam ich der Hauptstadt immer näher. Nach zwei langen Tagen und vielen Kilometern stand das Zelt am Vorabend der Jahreswende am Salzwasser auf einer Düne.

tag-118-4-zelt-am-meertag-118-2-guter-tagNach ansehnlichem Abendrot und ausgiebigem Abendbrot legte ich mich auf den weichen Zeltboden, drückte mir den Sand unter und mit meinem Allerwertesten zurecht und lauschte dem Meer. Rau und regelmäßig brachen die sich Wogen. Bald darauf leuchteten die ersten Sterne am Nachthimmel und ich genoss eine Weile gedankenverloren diesen imponierenden Anblick.

tag-119-4-schoene-strassetag-119-5-alles-trocknenIn aller Ruhe packte ich morgens darauf meine Sachen zusammen, musste dreimal laufen, um Fahrrad und Gepäck vom Sand auf den Asphalt zu bekommen und fuhr los. Bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen just unter 20 Grad strampelte ich die N261 nordwärts, machte eine kleine Rast zum Trocknen der Ausrüstung, die vom Morgentau noch klatschnass war, erntete dabei kritische Blicke vorbeifahrender Egochauffeure, fuhr weiter über die schmale Halbinsel Tróia und erreichte schließlich die Fähre nach Setúbal. Eine Brücke gibt es hier nicht.

Silvester wurde beschaulich. Ein Stück weiter nördlich, auf dieser Seite des Trejos – gegenüber liegt Lissabon – traf ich mich am Abend mit einer Freundin, die ich vor Jahren in Laos kennengelernt hatte. Ihr war auch nach einem ruhigen Einstieg ins neue Jahr und so kam Sandra mit dem Auto die knapp 50km hinuntergerollt, die mir morgen bis zu ihrem Haus im Norden der Stadt noch bevorstanden.

Das überwiegend in Landesfarben gehaltene Feuerwerk über der Hauptstadt sahen wir uns vom südlichen Flussufer aus der Ferne an. Der Trejo ist an seiner Meeresmündung ordentlich breit und die Brücke, die der Golden Gate sehr ähnelt und den wohlklingenden Namen 25. April Brücke trägt, ist für Radler und Füßler gesperrt.

Also per Fähre – wie unbefriedigend – erreichte ich Lissabon. Der Himmel war an diesem 1. Januar grau wie am Morgen meiner Abreise vor 4 Monaten. Dennoch schob ich mein Rad mit einem Grinsen auf den Vorplatz der Ankunftshalle, wo mich kalter Wind und Baustellenlärm unfreundlich empfingen. Ich war froh angekommen zu sein, doch das erhoffte Gefühl angemessener Euphorie stellte sich nicht ein.

Machte aber nix. Ich blieb bei Sandra und ihren Eltern, wo ich herzlichst aufgenommen und umsorgt wurde. Tausend Dank Sandra, Teresa und Toni für die fantastische Gastfreundschaft, die ganze Hilfe, die interessanten Gespräche und all das gute Essen.

Zwei Wochen lang sah ich mir die Stadt an, schoß ein paar Fotos vom Rad, um nachher so tun, als ob diese bei Ankunft entstanden seien, verbrachte Zeit mit Sandra und lernte ein paar ihrer Freunde kennen, trank auch mal wieder einen Schluck Alkohol, sortierte Teile der Ausrüstung aus und schickte das Fahrrad nach Deutschland, nachdem ich es für die Versendung nach Australien grundgereinigt und zerlegt hatte.

Die Fahrradtour wird für einen Monat China – und Freundinbesuch ausgesetzt und anschließend in Australien fortgesetzt. Da es lächerlich teuer ist, das Rad von Portugal nach Australien zu verschicken (700€), aber so viel günstiger von Deutschland aus (130€), entschied ich mich für letztere Option und auch gegen die, das Rad im Flieger mitzunehmen, was deutlich teurer, aufwendiger und schlechter fürs Rad gewesen wäre, auch weil es keinen Direktflug gab.

Die Zeit in Lissabon und Europa näherte sich (zu) schnell dem Ende. Noch eine letzte Pizza am Sonntag mit Sandra, ein Stadtrundgang am Montag allein und dann brachte Toni mich netterweise in Allerherrgottsfrühe des 17. Januars zum Flughafen, wo ich ins erste von drei Flugzeugen nach Chengdu stieg.


Alle Fotos von Portugal sind hier.

Farm des Gemüses

So richtig konnte ich es nicht fassen. Ich erinnerte mich lebhaft, wie ich in Ostrava bei Julian im Zimmer gesessen und mir über den Weg nach Portugal den Kopf zerbrochen hatte. Durch Karten war mir der Fluss, der Spanien von Portugal trennt und hier, bei Ayamonte im Mittelmeer mündet, bekannt. Das Gefühl nun aber tatsächlich dort zu sein, mit der Fähre über den Guadiana ins letzte Land meiner Europatour zu setzten und einer neuen Aufgabe entgegenzusteuern, war fantastisch. Bei klarem Wetter legte das kleine Schiff nach knapp viertelstündiger Fahrt an. Ein Landeseingangsschild suchte ich leider vergeblich und fuhr los.tag-82-3-zweite-nacht-portugalDie erste Nacht verbrachte ich auf einem Campingplatz und die zweite auf einem nur schwer definierbaren, semi-urbanen Stück Land, das wie ein riesiger, wilder Garten wirkte – nur ohne dazugehöriges Haus. Das Gewitter, das mit der Dunkelheit kam, war heftigst. Die anfangs noch moderaten Regentropfen prasselten kurze Zeit später ohrenbetäubend laut auf das Polyurethan des Außenzeltes nieder und übertönten jeden Gedanken an diese bloß dünne Trennwand zwischen mürrischer Mutter Natur draußen und ihrem alternativlosem Abkömmling drinnen. Blitz und Donner rollten aus der Ferne heran und als sich Zeus direkt über meinem synthetischen Wigwam austobte, knallte es so laut, dass es Erde und Mark gleichermaßen erschütterte.

tag-83-4-nach-monchiqueZeus siegte (anders als in der Sage) über Hypnos und kärglich kraftvoll ging es Richtung Monchique. Die Route in Portugal war geprägt von Feldwegen voller Fallobst, Bergstraßen voller Autofahrer ohne Sinn für Sicherheitsabstand und voller fahrradinteressierter, freilaufender Hunde, von denen einer so aggressiv zähnefletschend auf mich zukam, dass ich ihm bei voller Fahrt gezielt in die Schnauze treten musste, um seinen dentalen Angriff abzuwehren.tag-86-1-peaceful-valley-overviewWolfgang, der mit seiner Partnerin Peregrina die kleine Permakulturfarm betreibt, las mich kurz vor dem kleinen Ort auf und zusammen fuhren wir ins Peaceful Valley – ins friedvolle Tal – wie die Farm treffenderweise heißt. Ich hätte keinen besseren ersten Tag erwischen können, denn es war Pizzatag. Selbstgemachte Vollkornteigpizza belegt mit dem Besten aus dem eigenen Gemüsegarten. Bei der Gelegenheit lernte ich die anderen Leute auf der Farm in entspannter Atmosphäre kennen. Insgesamt waren wir zwölf – zehn Volontäre und zwei Gastgeber.tag-111-1-pizza-im-ofenDie ersten Tage waren sehr intensiv. Ich fühlte mich schnell wohl und keine 48 Stunden nach Ankunft hatte mich der permakulturelle Alltag in seinem festen und (be)lohnenden Griff.tag-106-1-das-hausOhne Kontakt zur Außenwelt – es gab keinen Handyempfang im Tal – und sofort integriert in die täglichen Abläufe, kam ich innerlich schnell zur einer (fast) ungekannten Ruhe. In der ersten Woche bestand die Arbeit vor allem aus Madronen (Amerikanische Erdbeeren) pflücken und dem Verputzen der Wände des Lehmhauses, das einmal der neue Vorratsraum werden soll. Außerdem wollten bei Sonnenauf- und Untergang die Hühner, Ziegen und Enten gefüttert werden.tag-85-2-madroniastag-92-3-faesser-voller-alkoholtag-106-3-mama-und-ziegeDie Tage im Einzelnen zu beschreiben würde keinen sonderlichen Sinn machen. An sechs von sieben wurde geschafft und mittwochs hatte ich frei. Die Arbeit bestand aus vielen, abwechslungsreichen Aufgaben und von Abwasch und Brot backen über Farbe abklopfen, Feuerholz sammeln, Hühnerstall reinigen, Leiter bauen, Obst pflücken, putzen, Wände verputzen und streichen, Unkraut jäten und Saatlinge setzten bis zu Ziegen füttern, hüten und melken, habe ich sämtliche Aufgaben erledigt, die auf einer Farm und dem Leben auf einer so anfallen.tag-87-1-permafarm-2tag-85-1-lunchtimeEs war sehr spannend mit Leuten aus aller Welt die Arbeiten zu erledigen und die Zeit verging wie im Flug. Im Laufe der ersten drei Wochen gingen viele der Volontäre und es kamen ein paar Neue. In den Tagen vor Weihnachten waren wir dann nur noch vier Freiwillige, worüber ich ehrlich gesagt ganz froh war. Es war schön, etwas Ruhe in den Tag zu bekommen, denn so interessant der Austausch auch war, manchmal zehrte das Sozialleben (fast) mehr an meinen Kräften als die Farmarbeit.tag-108-1-sonnentalEin typischer Tag begann, dank meines physiologischen Chronometers, ohne Wecker um circa 6 Uhr. Die Küche war noch unbemannt und unbefraut und meine morgendliche Lektüre somit ungestört. An manchen Tagen, gegen sieben bestieg ich dann frühsportlich und zur Freude des Hundes Shakti einen Berg, um von dessen Gipfel ein Fünkchen Empfang dafür zu nutzen, ein Lebenszeichen an meine Freundin zu senden. Wenn ich an der Reihe war, morgens unsere felligen und gefiederten Freunde zu füttern, tat ich dies vor dem Frühstück – erst das Tier, dann der Mensch. Zum Frühstück gab es Muesli, Kaffee und Tina Turner. Die Arbeit wurde von 9 bis Sonnenuntergang um 6 erledigt und einmal um 12 zum snacken und dann nochmal um 3 Uhr zum Mittagessen unterbrochen. Die Zeit danach war zwar frei, aber oft mit Aufgaben wie Abendessen vorbereiten und abwaschen gefüllt.tag-109-1-ziegen-hirtentag-94-ziegen-hirten

Mittwochs hatten Brett und ich frei und nahmen morgens den mit Senioren und Hippies gefüllten Bürgerbus nach Monchique, wo wir Wäsche wuschen und in einem Café alles online erledigten, was in der Außenwelt so angefallen war. Dabei habe ich für mich erkannt, dass ein- oder zweimal die Woche Netzkontakt vollkommen ausreicht und ich mir von nun an meine wöchentliche digitale Dosis bewusster injizieren werde.tag-107-1-baumdampftag-112-4-shakti-und-ichAm Weihnachtswochenende waren wir zu viert und es wurde kaum gearbeitet. Die beiden Gastgeber, Johannes und ich fuhren nach Odeceixe um den 25. an einem der schönsten Strände Portugals zu verbringen. Am folgenden Donnerstag packte ich meine Sachen und verließ schweren Herzens das friedvolle Tal. Die Leute, der Ort und die Tiere sind mir sehr ans Herz gewachsen, doch mein Trip sollte weitergehen. Lissabon wartete und Flüge für die Weiterreise waren bereits gebucht.tag-112-6-atlantik-und-ichtag-116-1-tasche-schaukeln

Alle Bilder Portugals gibt es hier.

Andalusischer Auftrieb – Spanien Teil 2

Straße bei NachtIch holte also das Auto in Tarragona ab, lud Fahrrad und Taschen ein und fuhr in Richtung Sevilla – gute 900 Kilometer entfernt. Am späten Abend, auf der Autobahn irgendwo hinter Valencia, bei Dunkelheit und strömenden Regen machte ein Reifen schlapp und war platt. Die erste Panne der Reise hatte ich also am Auto – nicht am Fahrrad. Der Abschleppdienst kam eine gute Stunde später, in der ich, bei gedämpftem Warnblinkerlicht, meine E-Mails checkte und eine Absage der Farm vorfand, die ich morgens noch angeschrieben hatte – toller, neuer Plan, dachte ich mir etwas geknickt. Der Wagen musste am Flughafen in Valencia getauscht werden, sodass es erst um Mitternacht weiterging. Abwechselnd fuhr ich und schlief ich eine Stunde und erreichte am folgenden Morgen, ungemein unausgeschlafen, Sevilla, gab das Auto ab und stieg aufs Rad. Der nächste, dringend benötigte Campingplatz war in El Roccio, eine Stadt mit langer Pferdezuchttradition, und unkomfortable 70km entfernt.

SevillaDie Fahrt war anstrengend, doch zum Glück lag auf halber Strecke ein kleiner Nationalpark. Im dem lichten Wald war es so still und friedlich, dass die warme Sonne mir förmlich auf der Hirnrinde zerging und meine erschlafften Synapsen stärkte. Das Wetter war besser als im Norden und dies sicherlich einer der schönsten Plätze, an denen ich bisher gezeltet hatte – ich war froh in Andalusien zu sein. Das Zelt war schnell aufgebaut, ein leckeres Mahl flott gekocht, der Tag am Ende doch sehr gut und der Glaube an den neuen Plan wieder gestärkt.

Sonne auf Zeltmüde und glücklichIch erreichte El Roccio mit seinen asphaltfreien, pferdefußfreundlichen Straßen am frühen Nachmittag des folgenden Tages und genoss dessen restliche Sonne, denn die nächsten drei waren arg verregnet und mein Zelt wurde auf die erste, wirklich harte Probe gestellt. In den wenigen Wasserpausen sah ich mir die Stadt an und besuchte, zusammen mit einem britischen Ehepaar vom Campingplatz, das nahegelegene Vogelschutzgebiet. Ansonsten verbrachte ich die Zeit im platzeigenen Restaurant bei Kaffee und WLAN, mit dem Anschreiben diverser Farmen.

HimmelwasserEl Roccio 1Der Tag nach dem andalusischen Monsun begann mit Waschen und Trocknen von Wäsche und Zelt und dem Isolieren zweier Nähte am Unterboden, durch die Wasser eingedrungen war. Gegen 14 Uhr wollte ich los, checkte noch kurz meine Mails und fand eine digitale Zusage von einer Permakulturfarm in der Nähe von Monchique in Portugal vor – circa 220km entfernt. Bestens motiviert und dankbar, dass mein Plan wohl doch aufgehen würde,  schwang ich mich aufs Rad und fuhr los.

tiefer SandEs sollten, wie vor Barcelona, entspannte 35km werden und wiedermal wurde es ein sehr anstrengender Tag. Es blieb zwar ungefähr bei der Kilometerzahl, aber das Naturschutzgebiet, dessen Straßen so sandig, dass pedallieren vollkommen un- und schieben nur unter größter Anstrengung möglich war, verlangte mir alles ab und ich brauchte für die Strecke über vier Stunden. Abends zeltete ich dann im nächsten Ort, auf einem unbebauten und überwucherten Grundstück, zwischen zwei Häusern mit Blick aufs Meer.

neuer Morgentag-81-2-tanker-ahoiraffiniertEin großes Tankschiff passierte am Morgen meine bescheidene Bleibe und ich sah es später wieder, als ich ein riesiges Industriegebiet mit Hafen und Raffinerien durchfuhr. Vorbei an Cádiz ging es wieder auf eine Via Verde durchs Grüne und Spanien endete quasi so, wie es begonnen hatte. Die alte Bahntrasse führte nach Ayamonte. Dort fand ich die Fähre, die nach Portugal übersetzt ohne Probleme, kaufte das spottbillige Ticket und schob mein Rad an Board. Keine 2 Minuten später legte das Boot ab und brachte mich ins 9. und letzte Land meiner Europatour – Portugal.

Fähre nach Portugal

Alle Bilder aus Spanien gibt es hier.