Hawaii Teil III: Rad und Tat

Die Form Maui ähnelt ein wenig dem mathematischem Zeichen für Unendlichkeit. Die Außenlinie beschreibt die hügelige Küstenstraße und die zwei mächtigen Vulkankrater ragen in den Zwischenräumen auf. Der größere der beiden ist der Haleakala mit 3000 Höhenmetern.

Die Ankunft fühlte sich ganz anders als auf Kauai. Der Flughafen ist viel größer und schnell wird klar, dass Maui deutlich touristischer ist. Dennoch gibt es auf der Insel genug Gegenden, die noch nicht von Ressort-Hotels verunstaltet wurden. Diese befinden sich überwiegend im westlichen Teil der Insel. Zehn Tage hatte ich Zeit und verließ die Hauptstadt Kahului – nachdem ich die üblichen Erledigungen, wie Essen und Gas kaufen gemacht hatte – um gegen den Uhrzeigersinn einmal um die Insel zu radeln – etwas über 500km.

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Am ersten Tag musste ich nicht weit radeln, um erst mal einen guten Platz zum zelten zu finden. Bevor ich einen kleinen Park am Meer erreichte, kam ich an einem Friedhof vorbei mit einem Rad als Grabstein – gute Idee für später, dachte ich mir. Der kleine Park stellte grün und eine Bank zum Verweilen bereit, bis es an der Zeit war, das Zelt etwas versteckt aufzustellen, denn campen war ausdrücklich verboten. Das Zelt in dem kleinen Spot unter Büschen aufzustellen war eine kleine Herausforderung, zumal der Wind Passatwind, der hier deutlich kräftiger bläst, die Sache zusätzlich erschwerte. Dafür aber traumhafte 15m von den Wellen entfernt geschlafen.

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So wie Kauai landschaftlich das Highlight war, so war es Maui fürs Radfahren. Nicht nur purer Spaß, sondern auch psychologisch äußerst wertvoll.

Ich wusste eigentlich nichts über die bevorstehende Route. Ich fuhr einfach drauf los und vermied es diesmal mir das Höhenprofil anzuschauen. Die Umrundung war hart. Die Küstenstraße ist sehr hügelig. Brutal steile Auf und Ab lassen keinen Raum zum Gleiten. Dennoch, das Wetter war perfekt und die Fahrt purer Spaß. Die körperliche Anstrengung generierte so viele Endorphine, dass ich nicht anders konnte als mit einem breiten Grinsen immer weiter zu fahren.

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Irgendwo entlang der Straße traf ich Bob an einem Aussichtspunkt. Als Aborigine erzählte er mir viel über die Situation seiner Leute auf Maui, denen das Leben durch Genehmigungen erschwert wird, die man haben muss um beispielsweise zu fischen, diese aber nur mit einem Job bekommt aber gleichzeitig keiner Ureinwohner einstellen will. Er betonte außerdem die Wichtigkeit, einfach nur dazusitzen und die Natur zu beobachten. Ihre Veränderungen wahrzunehmen und diese Zeichen zu deuten. Es war eine inspirierende Begegnung.

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Ich schaffte es nach Lahaine. Ein kleiner Surfort am Südwestufer. Ein Zeltplatz mit tollen Blick auf beide Kraterberge beherbergte mich für ein paar Nächte. Ich dachte es sei eine gute Idee, mein Gepäck am folgenden Tag im Zelt zu lassen und auf den höheren der beiden und wieder zurück zu fahren. Meine Naivität wurde bald bestraft. 80Km wäre ein Weg gewesen, aber schon nach weniger als 40km mit hartem Gegenwind war so viel Zeit vergangen, dass ich mein Vorhaben abbrach. Ich kam nicht mal in die Nähe der Kraterstraße.

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Ich fuhr zurück und beschloss mich einen Tag auszuruhen, um anschließend mit Gepäck die Tour nochmals zu versuchen. Zwei Tage später fuhr ich die ersten 55km. Die erste Hälfte davon mit starken Gegenwind und die andere Bergauf und vorbei an einer Müllkippe. Das einzige Grün, dass ich finden konnte, befand sich bei einer kleinen, alten Kirche. Eine streng gläubige Familie veranstaltete dort ein Picknick und lud mich ein. Als jemand der institutionalisierten Religionen nichts abgewinnen kann, fühlte sich ein wenig Fehl am Platz. Aber die Leute waren nett und arrangierten sogar, dass ich die Nacht direkt vor dem Kirchplatz zelten konnte.

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Der Aufstieg am nächsten Tag war das härtete und lohnende Stück Weg, das ich bisher auf mich genommen hatte. Das Stück zwischen Kirche und der eigentlichen, Serpentinen-Straße war so steil, dass ich schieben musste und wertvolle Energie verprasste. Die Kraterstraße selbst fuhr ich dann Kurve für Kurve hoch, während die Aussicht auf Maui und den anderen Krater immer besser wurde. Gegen Mittag musste ich immer mehr Pausen einlegen. Irgendwann fuhr ich 50m, stoppte, fuhr 50m und so weiter.

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Ich wurde oft von Vans mit Anhängern voller Fahrräder überholt, die Touristen auf den Gipfel bringen, sodass diese dann mit dem Rad herunterrollen konnten. Von denen kamen mir dann auch viele entgegen, die mich meist ungläubig anschauten. Um meine Moral aufrecht zu erhalten, sagte ich mir, dass sie die Abfahrt nicht so genießen wie ich sie genießen werde, weil sie vorher sich nicht hoch schinden mussten. Die Worte im Kopf zu wiederholen half.

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Schließlich erreichte ich den Eingang zum Haleakala National Park. Ein paar hundert Meter weiter befand sich der Zeltplatz Hosmer Grove. Es bedurfte keiner Registrierung. Das Zelt war schnell aufgebaut, eine Tasse Proteinpulver schnell ausgetrunken und ich schnell eingenickt. Der Zeltplatz liegt auf ca. 2000 Höhenmeter und weitere 1000 galt es nach meinem kleinen Schläfchen ohne Gepäck zu bezwingen. Nie zuvor war ich mit meinem Rad über den Wolken. Die Sicht und das Gefühl waren spektakulär.

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Auf dem Gipfel selbst ist nicht viel zu tun. Ich sog die Szenerie und Aussicht ein, sah von fern die Big Island und jagte schließlich den Weg zurück zum Camp. Die Kilometer hoch, für die ich über 2,5 Stunden gebraucht hatte, verflogen in 20 Minuten. So als würde man einen ganzen Tag die Wohnung aufräumen und innerhalb 20 Minuten alles wieder dreckig machen. Aber das machte tierisch Spaß.

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Am nächsten Morgen war ich schon auf dem Rad und abfahrbereit, als mich ein älterer Herr ansprach und sich für meinen Trip interessierte. Es stellte sich während unseres netten Gespräches schnell heraus, das er es sehr bereute, nicht Ähnliches gemacht zu haben, als er noch jünger war. Ich wünschte ich hätte früher mehr auf meine Wünsche gehört, sagte er. (Er ist der erste den ich erwähne, glaube ich, aber es waren tatsächlich recht viele Leute – vor allem Männer – die mir so etwas im Laufe der Monate sagten.)

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Auf dem Weg vom Camp nach unten sah ich die „Fahrradfahrer“ den Berg hinunterrollen. Diesmal fuhren wir in die gleiche Richtung. Nach 50km Abfahrt führte die Straße zurück an die Küste. Hier im Südosten auf dem Piilani Highway, war das Terrain ein ganz anderes. Schroffe Felsen ragten überall aus dem mit Gras überwachsenem Boden. Starke Winde stellten meine Beine erneut auf die Probe. Die Südstrecke nach Hana wird nicht viel benutzt und so war ich fast allein in dieser surrealen Wildnis.

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Dort wo die Südküste zur Ostküste wird, wandelt sich auch schlagartig die Vegetation zurück ins sonst übliche, saftige Grün. Kleine SB-Farmstände versorgen einen mit Mangos und kleinen Bananen. Ein verrückter Typ namens Captain Crazy hat sich ein Fort aus Kokosnüssen gebaut und lebt davon, sich als Touristenattraktion zu vermarkten. Ich machte eine Pause und kaufte ihm eine Kokosnuss ab.

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Kurz danach radelte ich meinen 7000. Kilometer und wiederum kurz danach macht ich Feierabend. Ich verbrachte den Abend mit einem langem, anregendem Gespräch mit einem sehr netten Paar aus Minnesota über die amerikanische Pharma- und Gesundheitsindustrie, in der sie beide tätig waren.

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Der letzte Radtag auf Maui war ebenso abwechslungsreich wie die davor und endete in Kahului in einem Hostel. Ich hatte in 5 Tourtagen (ohne die Pause) die Insel umrundet und den Berg befahren und es schien als sei ein Knoten geplatzt. Ich war endlich in meinem Touren-Dasein angekommen.

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Im Hostel, wusch ich zum ersten Mal seit einem Monat meine Wäsche in einer Waschmaschine und staunte wie sauber sie anschließend war – bzw. wie dreckig sie vorher gewesen sein muss. Das Hostel veranstaltete kostenlose Touren und wie es der Zufall wollte, führte die, für die ich Zeit hatte, an die eine Stelle, die ich während meiner Umrundung nicht gesehen hatte. Es war eine Schnorcheltour und das Riff war um einiges lebendiger und schöner als die auf Kauai.

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Einen Fahrradkarton zu organisieren war kein Problem und während ich mein Rad am Flughafen eintütete, dachte ich, dass Maui die bisher geilste Strecke war. Einmal um die Insel und den Berg hoch zu fahren hat die letzte (mentale) Hürde verfliegen lassen. Ich war bereit für die Westküste und stieg in den Flieger nach San Francisco.

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Hawaii Part II: Mehr Pfad als Rad

Kurz vor Sonnenaufgang landete ich auf dem mickrigen Flughafen von Lihue, Kauai. Eine meiner Taschen hatte es dank der Gründlichkeit der Sicherheitsbeamten nicht in den Flieger geschafft und so saß ich in der halb offenen Halle und wartete. Sonnenstrahlen fielen allmählich durch die Decke und ein Hahn krähte ganz in der Nähe. Die Insel gefiel mir auf Anhieb.

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Als erstes wurden die Formalitäten erledigt. Im Touristencenter buchte ich die Campingplätze vor. Es gibt ein paar über das Eiland verteilt. Leider kann man die nur im Ort buchen und bezahlen. Ich entschied mich also für eine Reihenfolge und damit auch für eine Route – erst in den Norden und dann in den Süden, auf den Berg und wieder zurück.

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Die Insel ist klein. Die Küstenstraße ist gerade mal 120km lang und führt nicht ganz herum, weil im Nordwesten eine Bergkette im Weg ist.

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Die Landschaft auf dem Weg in den Norden hatte viele Gesichter. Das Wetter wechselt hier von heißem Sonnenschein zu warmen Regen und wieder zurück innerhalb von Minuten. Die Insel gleicht mit ihrem saftigen Grün, den bewachsenen Vulkanbergen, den bunten Blüten überall, wahrhaftig einem Paradies. Dort zu fahren machte Spaß.

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Die Küstenstraße endet in Hanea Beach im Norden. Dort beginnt die Napali-Küste – das wohl geilste Stück Welt, das ich bisher gesehen habe – und der Kalalau -Pfad. Den wollte ich am nächsten Tag wandern.

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Abends kam ich mit Marie ins Gespräch. Sie schlief in dem mit Abstand kleinsten Zelt auf dem Platz. Es stellte sich heraus, dass sie und ich die gleichen Campingplätze zur gleichen Zeit gebucht hatten und da wir beide alleine reisten taten wir uns zusammen und wanderten am nächsten Tag gemeinsam den Kalalau.

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Wir waren beide recht bewandert (haha), aber so viel überwältigende Naturschönheit hatten wir noch nicht gesehen. Der meist erdige, mal schlammige, mal steinige Pfad führte über Flüsse, vorbei an kleinen natürlichen Becken, in die ich immer wieder sprang und endete an einem Wasserfall. Ich war voll in meinem Element. Um den ganzen Pfad zu wandern braucht man eine Genehmigung, die wir beide nicht hatten und so liefen wir die 6km wieder zurück. Für das letzte Stück wünschte ich mir (mal wieder) ich hätte doch Schuhe dabei gehabt. Das Stück Seeigelstachel, das noch vom Schnorcheln in Sydney mit Andre in meinem Fuß steckte, war allerdings noch kein Problem.

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Auf Kauais Zeltplätzen treiben sich alle möglichen Gestalten herum. Eine nette von denen war Cliff, ein Obdachloser, der auf der Insel lebt und seine gerade erhaltene Essensration mit allen teilte. Er war eigentlich vom Festland, wurde aber hierher „abgeschoben“, wie laut seiner Aussage viele obdachlose Amerikaner, da man ihnen hier aufgrund des immer warmen Wetters keine Unterkunft zur Verfügung stellen muss. An dem Abend kamen auch ein paar Junkies mit Knasttattoos – verbreiteten für eine halbe Stunde miese Stimmung und hauten dann wieder ab.

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Marie war mit dem Auto da und so landete mein Rad oft im Kofferraum und wir fuhren gemeinsam durch die Gegend und schauten uns die Insel an. Auf Hanea folgte Anini Beach, wo wir den bekannten Meeresbiologen Terry Lilley trafen. Er erzählte uns viel über den schlimmen Zustand des hiesigen Riffs und die Rolle des Militärs, das mit Mikrowellen-Experimenten zusätzlichen Schaden anrichtet.

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Zwei Tage später ging es dann zum Kokee National Park, der auf gut 1300 Höhenmeter im Südwesten der Insel liegt und atemberaubende Blicke auf die Napali-Küste von der anderen Seite her gewährt. Als wir dort ankamen blockierte allerdings dichter Nebel die Sicht. Hier oben war es auch deutlich kühler und wir wanderten den kleinen Kalapuli-Pfad, der über weichen, duftenden Waldboden führte. Im Camp Slogett gab es warme Duschen, die ersten seit über einer Woche.

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(Barfuß) Wandern wurde zunehmenst schmerzhaft und Marie war so nett mir den Seeigelstachel zu ziehen, nachdem meine Versuche gescheitert waren.

Am nächsten Tag war der Himmel blau und wolkenlos. Wir hatten großes Glück und die Aussicht auf die Küste war der Hammer. Über den Airplane-Pfad, der so heißt, weil man bei Abrutsch, abschmiert wie ein Flugzeug, liefen wir an den Rand der Küste. Marie schlug sich trotz Höhenangst tapfer.

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Wir wanderten dort oben auch die nächsten Tage. Das Wetter war perfekt und die Aussicht einfach nur krass (und) schön.

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Durch den Waimea Canyon ging es bergab und wieder zurück in den Norden. Die ersten 50km nahm ich das Rad und nach erstaunlich viel bergauf auf dem Weg nach unten, ging es steil bergab bis zur Küste. Ich hatte einen Mordsspaß und stellte mit 77km/h einen neuen persönlichen Geschwindigkeitsrekord auf.

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Zurück in Hanea war es ziemlich windig. Wir trafen Cliff wieder und kochten unser Essen, das wir vorher auf einem lokalen Markt gekauft hatten, in der Höhle, die sich dort im Berg befindet. Ich entschied mich, darin mein Zelt aufzuschlagen und dort zu pennen. Eine gute Entscheidung, denn die Nacht war nicht weniger stürmisch gewesen. Alle anderen Camper krochen ziemlich gerädert aus ihren Zelten und ich war putzmunter.

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Wir zogen ein letztes Mal um, wieder zum Anini Beach. Die Zeltplätze schließen einmal die Woche, jeder an einem anderen Tag und alle müssen den Platz räumen. Wahrscheinlich wird das so gemacht, damit die paar Obdachlosen, sich nicht zu gemütlich einrichten. Wir kamen früh dort an und der Primespot mit Rasen, direkt am Strand unter einem Baum war noch frei. Ich ging viel schnorcheln, sah ein paar Fische und sogar Meeresschildkröten. Ich habe leider keine Fotos davon, aber wie die Sonnenstrahlen durch die Wasseroberfläche brechen und auf den Schildkrötenpanzer fallen, während diese mit langsamen Bewegungen durchs Wasser gleitet, war eines der schönsten Eindrücke von der Insel.

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Marie reiste zwei Tage später ab. Die zwei Wochen waren wie im Flug vergangen. Ich blieb noch ein paar Tage und verbrachte meine Zeit mit schnorcheln, lesen, schwimmen und faulenzen. Ich hatte nette Zeltnachbarn, die mir auch mal ihre Flossen liehen. Die Zeit verging langsam, aber langweilig war mir nie.

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Nach ein paar Tagen machte ich mich allmählich auf den Weg nach Lihue. Ich fand einen Fahrradkarton, radelte zum Flughafen und flog nach Maui – das absolute Radfahrerparadies.

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Vielen Dank Marie für deine Gesellschaft, eine tolle Zeit und gute Musik.

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Hawaii Teil I: Oahu

Flugpreise sind viel zu günstig, wenn man mal all die Kosten bedenkt, also auch die nicht monetären, die bei einem Flug anfallen. Und so erstaunte es mich, dass es 150€ billiger war, von Sydney nach Honolulu, dann nach Maui und dann nach San Francisco zu fliegen – je mit Rad – als von Sydney direkt nach SFO ohne Rad.

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Das war der Grund, warum ich überhaupt nach Hawaii flog. Ich hatte etwas über das Reisen auf den Inseln recherchiert, aber mir kaum ein Foto von irgendwelchen beliebten Punkten angeschaut. Ich möchte nicht vorher wissen, was mich erwartet, da ich sonst erwarte. Allerdings hatte ich durch einen Freund, der vor drei Jahren dort war, eine grobe Vorstellung – er riet von Oahu ab und empfahl dafür Kauai.

(Hawai‘i besteht aus tausenden kleinen Inseln. Die acht Hauptinseln liegen recht nah beieinander und heißen, von West nach Ost: Ni‘ihao, Kaua‘i, O‘ahu, Moloka‘i, Lana‘i, Maui, Kaho‘lawe und Hawai‘i – oder Big Island. Ni‘ihao ist nur für Einheimische zu betreten, O‘ahu ist durch Honolulu als Hauptstadt das wirtschaftliche Zentrum, obwohl die größte von allen Hawai‘i selbst ist. Kaho‘lawe war mal Bombentestgebiet und ist zerstört. Das ist übrigens die jeweils richtige Schreibweise, die ich aber weglasse.)

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Obwohl der Flughafen in den 1930ern gebaut wurde und seit 2006 ernsten Modernisierungsbemühungen unterzogen wird, traf der Flair eher den der 80er Jahre. Glücklicherweise vergeblich, suchte man nach den stereotypischen Einheimischen, die einem eine Blumenkette um den Hals werfen. Ich sah niemanden, der diesen degradierenden Job machen musste. Das Königreich Hawaii haben sich – vereinfacht gesagt – weiße US-Amerikaner im ausgehenden 19. Jahrhundert einverleibt und die lokale Bevölkerung ist darüber bis heute aus ersichtlichen Gründen, nicht gerade glücklich.

Hawaii

Der Gedanke, dass ich nun in der Schlange stand und darauf hoffen musste, nicht von den Einwanderungsbehörden, die sich ja selbst zur Hawaii Party eingeladen hatten, abgewiesen zu werden, erschien mir etwas absurd. Irgendetwas stimmte dann den Beamten mir gegenüber misstrauisch und er eskortierte mich bestimmt aber freundlich in ein Wartezimmer. Es dauerte keine 5 Minuten und ich wurde wieder heraus bestellt und von einem anderen, noch freundlicherem (keine Ironie) Hawaiianer ein wenig mehr zu meinem Vorhaben ausgefragt. Er war dann auch der erste, der mich auf die extrem hohe Kriminalitätsrate auf Oahu hinwies und mir stark davon abriet, irgendwo auf der Insel zu campen. Die ganzen Methjunkies würde große Freude an meinem Rad und meinen Sachen haben und sich diese eventuell auch mit Gewalt nehmen.

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Das stimmte leider mit dem überein, was ich vorher im Netz recherchiert hatte. Etwas entmutigt, schleppte ich dann meinen Fahrradkarton nach draußen und begann das gute Stück wieder zusammenzusetzen. Ein Mann von der Gepäckaufbewahrung sprach mich an und wollte den Karton haben. Auf meine Auskunft, woher ich denn komme verlangte er, seine deutsche Lieblingsstadt zu erraten. Ich weiß nicht warum, aber sagte Heidelberg und er staunte mich daraufhin verdutzt an. Ich war ihm anschließend sympathisch und im Laufe des netten Gespräch wurde er zum zweiten, der mich über die Lage und die Beschaffungskriminalität auf Oahu warnte. Auf den anderen Inseln sei die Lage aber immerhin deutlich entspannter.

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Ich radelte los und auf den 15km vom Flughafen in die Innenstadt zeigte sich das Ausmaß eines gnadenlos dereguliertem Kapitalismus. Auf dem kurzen Stück, sah ich mehr Armut und Obdachlosigkeit, als in den ganzen Monaten zuvor zusammen. Beeinflusst von meiner Netzrecherche und den Ansagen der beiden Flughafenmitarbeiter, entschied ich mich dafür, meinen Plan zu ändern. Ich hatte einen Campingplatz für vier Tage gebucht, auf dem besagtes Problem wohl grassiert. Ich schoss die bereits bezahlten 45Dollar in den Wind und buchte kurzerhand ein Hostel in Honolulu, um mir erst mal ein Bild der Lage zu machen.

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Auch dort warnte man mich davor, die Insel so zu bereisen, wie ich es vorhatte, wenn ich mir am Ende kein neues Rad leisten möchte (und Zähne). Als mir schließlich ein Polizist, den ich am Waikiki Beach darauf ansprach, ebenfalls das gleiche sagte – er war die mittlerweile 6. Person – beschloss ich nach den 2 Nächten im Hostel, den Flieger auf die Insel Kauai zu nehmen. Fähren gibt es leider nicht mehr.

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Ich unternahm natürlich noch eine ausdehnte Spritztour von 70km, um wenigstens etwas von der Insel zu sehen. Ich sah auch den Campingplatz von weitem und war froh mich gegen ihn entschieden zu haben. Die Insel ist, trotz aller menschengemachter Hässlichkeit, verdammt grün und verdammt schön.

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In aller Herrgottsfrühe der 2. Nacht, radelte ich mit einem neuen Fahrradkarton, zusammengefaltet unter dem Arm durch die anrüchige Hauptstadt des 50. Bundesstaates zurück zum Hafen der Flugzeuge, stieg in eins und verließ Oahu. Viel hatte ich von der Insel nicht gesehen und sie hat definitiv mehr Beachtung verdient, als ich für sie übrig hatte. Dennoch, Honolulu ist ein Betonloch und ich war nicht traurig nach Kauai zu kommen, dem Hippie unter den Inseln.

Fahrzit II: Down Under

Der zweite große Abschnitt ging zu Ende. Ich war das zweite Mal in Australien und es gefiel mir mindestens so gut wie beim ersten Mal. Ich habe zwar kaum neue Teile des Landes gesehen, aber alles viel langsamer und intensiver

Mit der Zeit war ich in meiner Fahrradreise angekommen. Wichtig dafür waren zwei sehr unterschiedliche Dinge.

Zum einen, die Entscheidung ein (pflanzliches) Proteinpulver in meinen Speiseplan einzubauen. Dadurch – und der Unterschied war enorm – entwickelten sich meine Beinmuskeln endlich in dem Ausmaß, in dem es nötig war. Und als allmählich die körperliche Anstrengung geistig leichter wurde, machte das reine Fahren auch viel mehr Spaß.

Zum anderen tat es gut viel Zeit mit alten Freunden zu verbringen – insbesondere der Monat in Melbourne mit Evan und die Wochen unterwegs mit Andre.

Australien ist generell ein Land in dem es sich leicht fahren und campen lässt. Natürlich gibt es entlegenere Landesteile zum Radreisen, als die, in denen ich war. In ausreichenden Abständen gab es öffentliche Toiletten, die oft nicht nur Wasser, sondern auch Strom gaben. campen war quasi überall möglich, die Leute grundsätzlich freundlich gegenüber Fremden, die Straßen in gutem Zustand und Landschaft immer viele Blicke wert.

In Europa hatte ich viel Zeit mit grübeln und dem Überdenken vieler Fragen verbracht. In Australien hatte ich dafür kaum Zeit, aber viel Ablenkung und so konnte vieles von dem Gedachten etwas sacken und in meinem Kopf gab es wieder Platz für Klarheit.

Die Zeit mit Andre und mit Phil bestätigte auch den Wunsch des ersten Fahrzits nach Begleitung. Auch wenn ich jetzt, nach der Reise, sagen kann, dass ich auch sehr gut alleine klarkomme, das Alleinfahren viele Vorteile hat und ich lieber alleine fahre bevor ich es gar nicht tue, so weiß ich nun, dass ich auch beim Radreisen geteilte Freude, doppelte Freude ist.

Es war eine fantastische Zeit. Unzählige Sonnenaufgänge, viele Kilometer, viel Lachen, viele beobachtete Tiere und interpretierte Wolken haben sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt und gaben dem Vagabundieren noch einen extra Sinn. Das etwas ungewöhnliche Erlebnis mit Phil bei Russell Crowe abzuhängen setzt dem ganzen dann noch die Krone auf.

Evan, Nick, Max, Nils, Kim, Kevin, Sophie, John, Karen, Mathew, Andre, Regina, Bob, Heather, Martyna, Phil, Russell, Joslyn, Alex, David, Nick, Josh, Evan, Brett, Cookie, Barry, Heather, Andre, Martyna, Sam, Kyle and Phil und all die ich getroffen habe, ich danke euch von ganzem Herzen.

Rad, Bus, Zug, Flug

Langsam krochen Phil und ich aus dem Kanninchenbau, wenig motiviert viel zu radeln. Keine dreißig Kilometer entfernt, vorbei am wirklich hässlichen, goldenen Hund, fand sich ein guter Platz zum campen. Wir vergammelten für den Rest des Tages und arbeiten unseren Kater ab.

tag 231-2-ugliest thing ever

tag 232-1-frischer Morgen

Byron Bay lag noch ein paar Tage entfernt. Die Straßen dazwischen waren mal ruhig und leicht, mal laut und nervig. Woodburns Sportplatz diente als Campingplatz, die abendliche Portion Pommes brachte den absehbaren nächtlichen Durchfall. Lennox Head war dann ein guter Ort zum ausruhen. Es war ANSAC day – Kriegsgedenktag, eine große Sache im Land – und während Phil Geld im Pub Wetten abschloss, ließ ich mein Magen es mir im Zelt schlecht gehen.

tag 234-1-kleinstes Post Office ever

Byron Bay erreichten wir am folgenden Tag und unsere Wege trennten sich dort. Phil blieb im Ort und vor mir lagen die letzten 180km nach Brisbane – danke Phil für den geteilten Weg.

tag 235-2-Phil and I in Byron Bay

Es regnete, als ich Byron Bay verließ. Bis zum Abend wurde es wieder besser und ich fand einen tollen Schlafplatz auf einer versteckten Wiese. Es ist einfach zu einfach, in Australien zu campen.

tag 236-2-Gold Coast 1

tag 236-3-Gol Coast 2

Einen Tag lang fuhr ich unter der warmen Sonne Queenslands die goldenen Küste hinauf und meinen 7000ten Kilometer.

tag 237-1-KM 7000

Die Strecke zwischen BB und Brisbane lässt sich fast komplett über Radwege zurücklegen, nur verlaufen diese, je näher man sich der Hauptstadt Queensland nähert, immer öfter direkt neben dem Highway. Es wurde auch schwieriger einen geeigneten Nachtplatz zu finden und so fuhr ich auf ein abgezäuntes Naturgelände, dessen Tore um sechs Uhr abends schließen und zur gleichen Stunde morgens wieder öffnen. Ich huschte hinein, versteckte mich im Wald, haute mein Zelt in eine mühsam angelegte Kuhle und schlief wie ein Stein.

tag 240-1-Evan in Brisbane

Nach einem letzten, langen, lauten Tag entlang der Hauptverkehrsader der Ostküste, campte ich auf einem Campingplatz, der viel zu teuer war. Ich war gegen 11 Uhr mit Evan verabredet, der mich aus Melbourne besuchen kam. Wir trafen uns am Bahnhof. Wir waren beide quasi zum ersten Mal in Brisbane und durch den Feiertag lag eine entspannte Atmosphäre über der Stadt.

tag 240-2-Brisbane Town Hall

Das Wochenende ging vorbei, Evan musste zurück nach Melbourne und ich war mit einem Kumpel nördlich von Brisbane verabredet, den ich noch aus Wuhan kannte. Evan und ich verabschiedeten uns am frühen Nachmittag – danke fürs Hochkommen. Ich fuhr schon mal Richtung Norden, campte eine Nacht in einem großzügig angelegten Stadtpark, wartete natürlich bis zum Einbruch der Dunkelheit und schlug erst dann mein Zelt auf. Am folgenden Morgen ließ ich mir aber viel Zeit mit dem einpacken und alles erst ausgiebig trocknen. Niemand beschwerte sich.

tag 242-1-Everton Park Sachen trocknen

40km später rollte ich durch eine schicke Nachbarschaft und fand das Haus von Brett, seiner Frau und seinem Sohn auf Anhieb. Brett und ich nahmen das Kanu, fuhren ein wenig auf dem Fluss auf und ab und versuchten unser Glück mit Angeln – hatten aber keines. Zwei Nächte bleib ich, bevor ich wieder los musste. Vielen Dank euch dreien für die Gastfreundschaft und das gute, schwer vermisste, echte chinesische Essen.

tag 242-1-Brett im Kanu

Erst per Bus nach Casino, dann per Zug nach Sydney ging es zurück. Das Rad musste wieder in einen Karton. In einer knappen Woche würde ich Australien verlassen und ein neues Kapitel der Reise aufschlagen.

tag 249-2-opera house

Andre und ich unternahmen noch eine letzte Radtour um die Botany Bucht und gingen schnorcheln. Ich investierte auch etwas Zeit in die Recherche für die nächste Station, um nicht mit ganz leerem Kopf dort aufzutauchen.

tag 250-4-schnorcheln

Die Woche ging schnell vorbei. Wir entließen einen genesenen Vogel in die große weite Welt, ich traf mich noch mit zwei anderen Freunden aus Wuhanzeiten und ich schaffte es sogar meinen Flieger zu verpassen. Gegen eine kleine Gebühr verschob sich der Flug auf den nächsten Tag. Vielen lieben Dank nochmal für die nette Gastfreundschaft Heather und Andre.

tag 251-1-bird relase

tag 250 - 5 - Karton transport

Also einen Tag später als geplant, am Samstag, den 13. Mai, stieg ich dann in den Flieger und flog nach Honolulu auf Oahu, Hawaii.

The Blind Rabbit

auf Englisch The Blind Rabbit, ist der Name einer Bar. Es ist keine gewöhnliche Bar, sondern sie befindet sich im Keller eines großen Landhauses. Das Haus steht mit mehreren anderen auf einer riesigen Ranch und gehört dem Schauspieler und Musiker Russell Crowe. Vier Tage waren Phil und ich Gäste bei ihm. Doch alles der Reihe nach.

tag 220-2-Zwei Männer, ein Fluss

Eine Woche vorher stand nicht nur Ostern vor jedermanns Tür, sondern auch Andres Mutter sehr bald vor seiner in Sydney, weshalb er früh mit seinem Fahrrad im Karton den Zug nach Hause nahm. Der Tag hatte am Fluss begonnen, wo Andre, Phil und ich die Nacht gezeltet hatten. Ein Hundebesitzer hatte uns noch zu unserem Schlafplatz gratuliert, der in der Tat zum sich beglückwünschen war, bevor wir drei zum Bahnhof fuhren und Andre verabschiedeten.

Unglaublich, dass der Abschnitt mit Andre schon wieder vorbei war. Vor Phil und mir lagen gute 60km Tagesstrecke mit dem Ziel Crowdy Head National Park. Dort blieben wir zwei Nächte. Kängurus leisteten uns beim Frühstück Gesellschaft.

tag 223-1-Kangurufamilie

Das Osterwochenende kam und unzählige Australier nutzten die letzte Gelegenheit, vor dem Winter noch einmal zu „campen“. Wir machten uns auf dem Weg zum Point Plomer, wo man nicht reservieren konnte und die Chancen auf vier Quadratmeter für mich und mein Zelt noch am größten waren. Phil hatte über Ostern ein Hostelzimmer in Port Macquarie gebucht.

tag 224-1-fahren am Strand

Wir wussten, dass der Weg beschwerlich werden würde, riskierten es aber trotzdem und steckten bald mit unseren Rädern im weichen Sand. Ich hatte obendrein weitere 10kg H2O geladen, da es auch dort kein Trinkwasser gab. Es war nahezu unmöglich das Rad zu bewegen. Meter für Meter pflügten wir uns vorwärts. Als der Busch die Möglichkeit bot, schoben wir die Räder zum Strand. Dort, wo die Wellen regelmäßig über den Sand rollten, ließ es sich besser fahren.

tag 225-1-Sonnenaufgang an Point Plomer

Camping ist für mich bereichernd, weil man bewusst auf möglichst viel Komfort verzichtet, sich wenigstens etwas der Natur aussetzt und diese in Ruhe beobachtet und genießt. Was ich jedoch am Point Plomer vorfand, war das krasse Gegenteil. Die Leute waren mit ihren riesigen Geländewagen gekommen, vollgepackt mit Zelten, Pavillons, BBQ Grills, Stromgeneratoren, Kingsize Luftmatratzen, Kissen, Stereoanlage und jedem anderen Komfort, den sie von zuhause gewöhnt sind und haben sich besoffen. Ostern konnte nicht schnell genug vorbeigehen.

tag 227-1-Jorg auf Bank an Point Plomer

Drei Nächte später, ich hatte die meiste Zeit allein verbracht, Yoga gemacht und auf einer Bank am Meer gesessen und gelesen, verließ ich den Ort endlich wieder in Richtung Norden. Die vielen Jeeps wirbelten jede Menge Dreck auf und staubten mich komplett ein, doch zum Glück befand sich am Ende der Erdpiste ein Sportplatz mit Duschen, unter die ich kurzerhand sprang, um anschließend frisch geputzt in Richtung Kempsy zu radeln, wo ich Phil wiedertraf.

tag 229-1-Aborignial Art bei Nambucca Head

Wir blieben eine Nacht am Flussufer und fuhren am nächsten Tag gute 70km bis Macksville. Wir pausierten an der Promenade und wollten uns schon nach einem Schlafplatz umsehen, als ich im Scherz meinte: Guck mal Phil, da läuft Russell Crowe. Ich hatte keine Ahnung, dass er tatsächlich in der Gegend wohnt. Wir kamen ins Gespräch; er stellte sich vor und – um es kurz zu machen – lud uns auf seine Ranch ein, versprach uns eine Mahlzeit und ein Dach für eine Nacht, gab uns seine Adresse und verschwand.

Wir hatten keine Uhrzeit oder sonst etwas ausgemacht und wussten nicht so recht, ob wir der Einladung folgen sollten oder ob diese nicht wirklich ernst gemeint war. Wir entschlossen uns für ersteres und fuhren an dem Abend noch weiter, um es am nächsten Tag auch bis zu seiner Ranch zu schaffen.

Russell Crowe ist der größte, private Landbesitzer in New South Wales und hat in Nana Glen eine riesige Ranch, auf der er Pferde, aber vor allem Rinder züchtet. Ich hatte eine Vorahnung was das Hauptgericht sein würde und überlegte schon mal, ob ich nach vier Jahren vegetarischem Dasein, eine Ausnahme machen sollte.

tag 229-1-waiting for the man

Von Coffs Harbour aus, bogen wir landeinwärts und ackerten uns über die vielen kleinen Berge, die uns auf dem Weg nach Nana Glen im Weg standen. Wir googelten schnell, ob der Gladiator lieber roten oder weißen Wein trinkt – wir wollten nicht mit leeren Händen auftauchen – kauften roten, erreichten den kleinen Ort, aber fanden die Hausnummer nicht, die er uns genannt hatte. Wir fragten den Postmann, der uns die Info natürlich nicht verraten durfte, dafür aber beim Anwesen anrief. Russells Mom kam uns dann abholen und wir folgten ihr auf unseren Rädern zur Ranch.

John Nash empfing uns mit seinem jüngeren Sohn und seiner Nichte, zeigte uns das Haus, in dem wir übernachten konnten und bestellte uns zum Abendessen ins Haupthaus. Wir waren pünktlich dort, quatschten ein wenig mit dem Vater, bis Hando uns in den Weinkeller führte und wir zwei Flaschen leerten.

Zu Abend wurde an einer kleinen Tafel gespeist. Die Ranch verfügt über mehrere Häuser, Ställe und sogar eine kleine Kapelle, die für seine Hochzeit gebaut wurde. Die Einrichtung der Häuser ist rustikal-gemütlich und wir saßen zu Siebt am langen Holztisch – Maximus natürlich am Kopfende.

Ich hatte seit 4 Jahren kein Fleisch mehr gegessen und aß nun, langsam und mit Bedacht Stück für Stück meines Steaks, das der Hausherr persönlich gegrillt hatte. Es schmeckte sehr gut, aber nicht so gut, als dass nicht Vegetarier bleiben würde. Ich glaube ich war in mein Gericht ziemlich vertieft, denn irgendwann merkte ich, dass Russell mich mit einem Grinsen beobachte. Die ganze Situation hatte etwas surreales.

Anschließend gab er uns eine kleine Tour durchs Haus, zeigte uns seinen Musikraum, das Kino und die Bar, The Blind Rabbit. Dort blieben wir bis spät in die Nacht, erzählten und tranken. Russell bot uns an, eine weitere Nacht zu bleiben, wenn wir ein wenig auf der Farm aushelfen würden.

tag 230-1-working for the man

Früh um 7 Uhr, mit einem Kater, wie er nicht zu ertragen war, fanden wir uns vor Lagerschuppen ein, den es leerzuräumen galt. Zwei Mitarbeiter kümmerten sich um das ganze Holz, während Phil und ich bis zum Nachmittag eine Tonne Steine herausschleppten. Beim Abendessen waren wir neun Leute; zwei Jungs, die für ein Musikvideo Material sammeln sollten, waren weitere Gäste.

Bevor Phil und ich am nächsten Morgen abreisen würden, waren wir alle für eine Partie Touch-Football auf dem rancheigenen Sportplatz verabredet. Nach dem Spiel meinte der Hausherr, dass für den Abend der eigentliche Videodreh angesetzt sei. Es würden weitere Gäste kommen, eine Gruppe Mädels würde mit brennenden Reifen eine Choreographie abtanzen und es würde Pizza geben. Wir wären herzlich eingeladen noch eine Nacht zu bleiben, falls wir nichts wichtigeres vorhätten – äh nein, haben wir nicht.

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Es wurde das Video zu „Everything I touch“ gedreht und Phil und ich hatten die ehrenvolle Aufgabe, den Nebel in die gewünschte Richtung zu lenken. Der Abend endete natürlich im Blind Rabbit. Wenig fit entstand dann am nächsten Morgen dieses Foto.

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Russell gab uns noch seine Nummer für den Fall, dass wir unterwegs Probleme bekämen und dann traten Phil und ich aus dem Kaninchenbau/Wunderland, zurück in die reale Welt und radelten ziemlich verkatert Richtung Norden.

Wir hatten die ganze Zeit nicht das Gefühl mit einem großen Star abzuhängen. Das einzige was daran erinnerte war der Oscar, den er uns gezeigt hatte und die anfängliche Bitte, keine Fotos zu machen, weshalb dieser Beitrag auch nicht so viele enthält. Egal, vielen vielen Dank, Mr. Crowe.

Viele Wasser und ein Feuer

Wir hatten die Harbour Bridge hinter uns gelassen und fuhren Richtung Norden nach Manly. Doch so einfach und schnell, wie wir gedacht hatten, konnten wir die zweite und letzte gemeinsame Etappe nicht beginnen. Wir kamen zufällig an einem Fahrradladen vorbei und es ergab sich ein schneller Check. Drei Herren beäugten gründlich unsere Räder und gaben grünes Licht für meines, bemängelten aber Andres hintere Felge, die bereits mehrere Risse aufwies. Das Leichtbaumodell mit deutlich weniger als 32 Speichen war nicht für Bikepacking ausgelegt. Im Nachhinein, wenn man bedenkt, welche Straßen wir bei welchen Geschwindigkeiten abgerissen hatten, war es pures Glück, dass das Ding nicht schon längst zerschellt ist.

tag 215 - 1 - Andre auf Bank-2016x1512

Wir hatten noch mehr Glück im Unglück, denn auch wenn dieser Laden keinen Ersatz vorrätig hatte, so hatte ihn der nächste und die Felge war schnell gewechselt. Der Tag endete, nach vielen, teils regnerischen Kilometern und einer kleinen Fährfahrt, in Dutty Beach auf einem leeren Campingplatz. Es war einer dieser staatlichen Plätze, wo man an einem Automaten bezahlen muss. Dieser war jedoch außer Betrieb und unsere Nacht somit kostenlos.

tag 215-1-turkey terror

Ich machte es zur Gewohnheit, vor Sonnenaufgang aus dem Zelt zu klettern, zum Strand zu watscheln und das allmorgendliche Es-werde-Licht-Schauspiel zu bewundern. Als ich wiederkam, hatte eine kleine Horde Truthähne, eine Nudeltüte, aufgepickt und sich bereits fleißig bedient. Zum Mittagessen gab es Pasta Nada.

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Zwei Tage brauchten wir bis Newcastle. Der Weg dorthin war erstaunlich beschwerlich, was uns veranlasste immer wieder längere Pausen einzulegen und eine weitere Nacht auf einem Campingplatz zu bleiben – diesmal mit Dusche und gegen Bezahlung.

tag 216-1-uberall hin mitnehmentag 216-2-Tunnelvision

Eine ehemalige Bahnstrecke diente nun als Radweg und führte fast bis zur Innenstadt. Diese alten Bahntrassen sind fantastisch, denn sie führen durch schöne Natur bei maximal 2% Steigung.

tag 216-3-Autowrack nahe Strand

Von Newcastle nahmen wir die Fähre nach Stockton. Wir waren auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz. Ein „National Park“ entpuppte sich als ungeeignet. Die Küste bestand aus Dünen, Autowracks und Reifenspuren und machte keinen einladenden Eindruck. Nach langem Hin und Her, entschieden wir uns schließlich für eine sichtgeschützte Ecke in den Büschen im Park nahe der Fähre. Wir bauten im Dunkel auf, waren der Mücken Abendbrot und verschwanden schnell in unseren Zelten.

tag 216-2-Pelikan

Andre musste sich langsam um seine Heimreise kümmern. Nach etwas suchmaschinieren und telefonieren, mussten wir zum Bahnhof in Newcastle. Das hieß, Radweg zurück zur Fähre, Fähre in die Stadt, zum Bahnhof, Ticket kaufen und all das wieder zurück und dann endlich weiter.

tag 217-1-Hangemattensattel

Immerhin trafen wir auf der Fähre einen Daniel mit einem recht interessanten Fahrrad; es hatte keinen normalen, sondern einen Hängematten-Sattel. Das Radeln darauf war auch echt bequem; eine Reise mit Gepäck würde ich darauf allerdings nicht wagen.

tag 216-1-Anna Bay

Die offene, windige Straße nach Anna Bay war eine kleine Plackerei. Eine teure Pizza unterwegs stärkte Körper und Geist und schwächte die Finanzen. Wir steuerten die unentgeltliche Übernachtungsmöglichkeit Samurai Point an. Doch diese war ohne einen Geländewagen nicht zu erreichen. Wir hätten die schweren Räder mindestens drei Kilometer durch weichesten Dünensand pflügen müssen – danke nein.tag 217-2-Samurai Beach

Uns blieb in dieser touristischen Gegend nichts anderes übrig als auf den nächsten Campingplatz auszuweichen. Ein Bad in den wilden Wellen wirkte Wunder nach einem anstrengenden Tag. Ein schreiendes Kind vertonte schließlich unser Abendessen.

tag 218-1-Sonnenaufgang nahe AnnaBay

Und auch das Frühstück. Doch nach erneut bestaunter Morgenröte und einer Dusche, war es weniger nervig (aber immer noch). Ausgeruht und guter Dinge war der Weg bis Nelson Bay dann ein Klacks. Mit Hilfe des Kapitäns hievten wir unsere Räder an Deck eines klassischen Kahns, der uns nach Tea Garden brachte. Bei einem kurzen Plausch mit dem Bootpilot erfuhren wir, dass er einst für Porsche Rennen fuhr und das er Stunden zuvor einen anderen Tourenradler, der nach Cairns unterwegs ist, transportiert hatte.

tag 218-2-Fähre nach Tea Gardentag 218-3-über Schottertag 218-2-Wildlife bei Lemarie

Ein schönes und schweres Stück National Park lag vor uns. Irgendwann wurde die geteerte Straße staubig und dann grob steinig. Es war eine wahrlich wackelige Angelegenheit bei der unserer Räder über die Steine sprangen wie Wildpferde. Am Ende wurden wir dafür mit einem tollem Nachtlager am Lake Lemaire belohnt.

tag 219 - 1 - Frisbeespiel im Seetag 219 - 2 - Frisbeespiel im See 2

Wir begannen den Tag mit einer ausgedehnten Partie Frisbee im seichten See und traten dann wieder in die Pedale Richtung Forster. Ein Tourenrad stand vor einem chinesischem Restaurant. Es musste der sein, von dem uns der Kapitän erzählt hatte – und war es auch. Phil, der in die gleiche Richtung reiste, gesellte sich kurzerhand zu uns und ein paar Kilometer später, standen drei Zelte südlich von Forster auf einem Stück Rasen am Pazifik.

tag 219-2-drei Zeltetag 219-3-Phil und Andre im MeerTourenradler scheinen ähnliche Rhythmen zu haben. Wir drei waren früh wach – ich mal wieder zum Sonnenaufgang – und hatten alles wieder auf die Räder gepackt, bevor die Ranger kamen und uns abkassieren konnten.

tag 219-1-zahmer Raubvogel

An diesem Tag erreichten wir Taree. Unterwegs hatten wir Phil kurz verloren, eingekauft und ihn dann wiedergefunden. Andre würde am folgenden Morgen den Zug nach Sydney nehmen. Für den letzten gemeinsamen Abend fanden wir den idealen Zeltplatz – unweit des Bahnhofs, direkt am Flussufer im Grünen.tag 220-1-Fluss in Taree

Das Leben als Vagabund ist voller Geschenke. Andre und ich wollten schon längst ein Lagerfeuer gemacht haben, aber irgendwie hatte es sich nie ergeben und nun stand hier, direkt am Flussufer im Sand ein Tipi aus Feuerholz. Wir ergänzten Kleinholz und Anzünder und saßen bald darauf gemütlich am Feuer, schauten auf den Manning River und erzählten bis es Zeit war schlafen zu gehen.20170410_182418-2016x1512